Turandot im Theater Duisburg

Ein Traum? Ein Märchen?

Es gibt zweifellos einen naheliegenden Grund dafür, dass diese Turandot so aussieht, wie sie aussieht: wie ein klischeehaft in Szene gesetztes Märchen mit opulenten Kostümen und Figuren, die sich oft wie in Zeitlupe bewegen - wie in einem Traum. Diese Turandot hat der taiwanesische Regisseur Huan-Hsiung Li entwickelt, mit der im Jahr 2017 das derzeit noch im Bau befindliche „National Kaohsiung Center for the Arts“ eröffnet werden soll – einer jener gigantischen Musentempel, wie sie seit etlichen Jahren in Asien wie Pilze aus dem Boden schießen.

Zu vermuten ist, dass das taiwanesische Publikum nicht viel mit dem wird anfangen können, was in Europa und speziell in Deutschland unter „Regietheater“ firmiert. Li auch nicht, denn er verzichtet auf eine dezidierte Ausdeutung. Stattdessen: Musiktheater wie ein filmischer Schinken aus den 1960er Jahren, nur ohne Action.

Die Bühne besteht aus der sehr schlichten Silhouette einer vielleicht mittelalterlichen, vielleicht noch älteren chinesischen Stadt. Ab und an wird recht unmotiviert von der linken Seitenbühne eine Treppe hereingerollt. Herabgerollt dagegen werden – mehr als einmal zuviel – schmale Gaze-Vorhänge, auf denen Jun-Jieh Wang per Videoeinspielung hübsche Tintenklecks-Bilder präsentiert. Entbehrliche Accessoires für eine Turandot, die von der Farbenpracht ihrer Kostüme (historisch natürlich) lebt. Ansonsten nämlich ist nicht viel Leben auf dieser Bühne. Die Akteure stehen auf ihr weitestgehend statisch und hilflos herum. Das ist schade. Wirklich gescheitert jedoch sind die Versuche, Turandot mit dem Heute zu verknüpfen. Da wird eine Regenschirm-Demonstration aus dem Jahr 2014 in Hong-Kong ebenso zusammenhanglos zitiert wie die Traumsituation einer „modernen“ Chinesin behauptet wird. Und warum tragen die Minister und der Kaiser neuzeitliche Kostüme? Lis Regiekonzept ist ebenso banal wie löchrig.

Die Duisburger Philharmoniker unter Axel Kober geben die Turandot – passend zur Regie – laut und monumental. Sängerisch glänzt Gerhard Michalskis Chor, dessen Masken irgendwie nicht passend wirken. Unheimlich geschmeidig und wendig singen Bogdan Baciu, Florian Simson und Cornel Frey als Ministertrio – eine wahre Freude an diesem Premierenabend! Stilvoll leiden Sami Luttinen als Timur und Bruce Rankin als Kaiser. Das ist im besten Sinn routiniert.

Brigitta Kele ist als Liù nicht nur sanfte Seele, sondern auch selbstbewusste Frau, dazu stimmlich bestens disponiert. Zoran Todorovich hat sicher die Kraft für den Kalaf, verfügt aber nicht über genügend Zwischentöne, um den Prinzen mehr als nur eindimensional darzustellen. Linda Watson – eingezwängt in eine steife Staatsrobe – gibt ihr Rollendebut als Turandot, macht sie zu einer sehr harten, unerbittlichen Person. Dies allerdings auch vokal, was den zuhörenden Ohren nicht durchweg gut bekommt.

Kooperationen zwischen Opernhäusern – gerade über Kontinente hinweg – können Horizonte erweitern und sind, quasi als Joint-Ventures, im Einzelfall sicher sinnvoll. Wenn denn der künstlerische Ertrag spürbar wird. Aber diesbezüglich hat Huan-Hsiung Lis Turandot nicht viel zu bieten.