Tosca im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Ein kunstsinniger Tyrann

„Erbarme Dich...“ tönt es aus dem Grammophon. Tosca hat es angekurbelt, nachdem sie Scarpia erstochen hat. Und der stirbt ob der Alt-Arie aus Bachs Matthäus-Passion scheinbar fast getröstet. Ein kunstsinniger Tyrann? Tobias Heyder zeigt in seiner Tosca einen sehr widersprüchlichen Scarpia: Einen, der einerseits Bilder sammelt. Sein Palast ist eine einzige Galerie im Aufbau. Überall stehen – in einem von einer überdimensionalen Staffelei beherrschten Raum - Gemälde oder Teile davon herum. Andererseits scheint er krank zu sein – wird beherrscht von seltsamen Gesichtszuckungen. Sind seine Grausamkeit, sein offensichtlich auf pure plumpe Geilheit reduziertes Sexualleben Resultate einer psychischen Krankheit? Denn augenscheinlich existieren sein Potenz und sein Verlangen eher in seiner Fantasie. Wirklich zuzupacken traut er sich bei Tosca nämlich nicht. Heyder stellt da mehr Fragen, als dass er sie beantwortet.

Scarpia scheint auch der einzige Charakter zu sein, mit dem sich das Regieteam wirklich beschäftigt. Tosca ist ganz fromme Künstlerin, die ihrem Beichtvater sicher nur ihre Treffen mit dem forschen Maler Cavaradossi zu beichten hätte. Der wiederum ist kein wirklich politischer Künstler, sondern eher ein hilfsbereiter Kumpel, der Angelotti dann eben mal versteckt.

Tilo Steffens’ Bühne ist zweckdienlich: gemalte romanische Fenster und Türbögen, in der Kirche wenig für’s Auge – außer einer eher mickrigen Madonna. Dafür ein Gemälde mit nackten Frauen, das der Mesner im Engelsburg-Akt schwarz übermalt – Sieg der Reaktion? Sollen die 1930er-Jahre-Kostüme Verena Polkowskis etwa an die historische Nachfolge-Diktatur Mussolinis gemahnen?

Das Regieteam überfrachtet leider die Inszenierung mit Anspielungen und Bildern, die oft nicht zu entschlüsseln ist. Besonders die Figur des Scarpia bleibt sehr rätselhaft.

Das liegt sicher nicht an Aris Argiris. Seine immensen darstellerischen Möglichkeiten, seine so überaus nuancierte stimmliche Figuren-Auslotung, sein voller, mal balsamisch lockender, mal schwarz drohender Bariton machen diese Tosca zu einem Erlebnis, das im Gedächtnis bleibt. Dazu trägt auch Petra Schmidt in der Titelpartie bei. Unheimlich stark bühnenpräsent, liegen ihr weniger die Ausbrüche der eifersüchtigen Diva zu Beginn. Die mit dem Geliebten leidenden Passagen aber und das einfach wunderbar gestaltete „Vissi d’Arte“ gehören zu den ganz eindrücklichen Momenten. Derek Taylor ist ihr ein Partner, der den Cavaradossi gut singt, aber noch ein wenig tiefer eindringen könnte in die Seele dieses verliebten Schwärmers.

Tosca ist eigentlich ein Drei-Personen-Stück, doch zum absolut runden musikalischen Ergebnis tragen an diesem Abend eben auch alle anderen Mitwirkenden bei: die rund singenden Chöre Christian Jeubs und Alfred Schulze-Aulenkamps, Dong-Won Seo als zu Tode gehetzter Angelotti, Joachim G. Maaß als reaktionärer Mesner, William Saetre und Peter Rembold als Erfüllungsgehilfen Scarpias, Jacoub Eisa als Schließer. Aufhorchen ließ Countertenor Sion Choi als Hirt. Da wächst im Jungen Ensemble des MIR, zu dem auch Jacoub Eisa und Peter Rembold gehören, etwas Tolles heran.

Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen zaubern Tosca-Feinheiten aus dem Graben. Alles gelingt – besonders aber der Beginn des dritten Aktes evoziert Gänsehaut. Viel Zuspruch vom Publikum!