Elektra im Essen, Aalto-Theater

Komplexe, zu ihren Wurzeln geführt

Unaufhaltsam kommt die Tragödie in Schwung und treibt ohne Wenn und Aber auf ihr grausames Ende zu. Und da gibt es nichts, was den unvermeidlichen Gang der Handlung aufhalten könnte. Das gilt für die Elektra des Euripides genauso wie für die des genialen Duos Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Doch was erklärt diese scheinbar unsichtbare Macht, die alle Handelnden schier wie ein Puppenspieler an Fäden zieht?

David Bösch verlegt seine Deutung ganz auf die psychologische Ebene, hat dabei sicherlich auch Eugene O’Neills Trauer muss Elektra tragen im Hinterkopf. Was die Eltern vorleben, das findet in den Köpfen der Kinder seinen Platz und prägt ihr Handeln.

Auf der Bühne findet sich das Mobiliar der Kinderzimmer von Orest, Elektra und Chrysothemis: Kinderstühle, ein Bettchen als Symbole einer Kindheit, die scheinbar glücklich war, aber von brutaler Gewalt zerstört wurde. Wohl deshalb hängen gehäutete Opfertiere (oder sind es Menschen in Tiermasken?) vom Schnürboden herab. Die Symbolik stimmt, auch wenn sie manchmal überdeutlich wird, so am Ende. Ströme von Blut brechen sich Bahn durch die ohnehin mit dünnen Blutfäden überzogenen Bühnenwände von Patrick Bannwart und Maria Wolgast. Die Grenzen von Böschs Konzept zeigen sich in der Personenführung. Denn hier setzt sich seine klare Symbolsprache leider nicht fort. Zu wenig Interaktion findet da statt. Weitgehend autonom agieren Personen auf der Bühne, scheinen nur mit sich selbst beschäftigt. Verhältnisse untereinander werden nicht ausgelotet.

Elektra trägt ein Bild mit sich herum, das sie als Kind mit ihrem Vater zeigt. Sie hütet es wie einen Schatz – eine Erinnerung an eine scheinbar glückliche Kindheit oder der Beweis eines handfesten Elektra-Komplexes. Rebecca Teem gelingt vor allem eine berührende Wiedersehensszene mit ihrem Bruder. Sie verfügt über Kraft und Durchsetzungsvermögen, singt sogar über weite Strecken textverständlich. Was ihr (noch) fehlt, ist das ergreifende, das mitnehmende Moment, das direkt hereinzieht in ihre brodelnd kochende Gefühlswelt.

Die Klytämnestra der Doris Soffel kettet Bösch mit Seilen an ihre in Folie verpackten Opfern. Schwarzgekleidet und von Meentje Nielsen mit einer roten Perücke ausgestattet, gebärdet sie sich eher exaltiert denn getrieben von bösen Träumen. Soffel verfügt über die Fähigkeit, mit Vokalen unendliche Ausdrucksmöglichkeiten zu offenbaren, wirkt jedoch in Böschs Inszenierung eher wie eine Hollywood-Diva, die am Set ihre Rolle zelebriert denn wie eine von Erinnyen getriebene Frau.

Karin Kapplusch gerät an die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten. Da kommt vieles nicht besonders rund herüber. Dennoch gelingt es ihr, die Leiden der zwischen Schwester und Mutter aufgeriebenen Chrysothemis zu transportieren. Ihr Wunsch nach Freiheit und Leben kommt allerdings eher zurückgenommen daher.

Orest ist Almas Svilpa, der seine Rolle profund singt, sich aber an diesem Abend nicht profilieren kann. Er scheint dem Regie-Team nicht wichtig genug und bleibt bloßer Erfüllungsgehilfe der Rachepläne Elektras. Wie schon in der vorhergehenden Elektra-Inszenierung am Aalto-Theater singt wiederum Rainer Maria Röhr den Aegisth – ein larmoyanter Tyrann, der die Geister, die er rief, nicht wieder los wird. Der Mord an ihm auf offener Bühne ist dann aber doch ein bloßer Show-Effekt.

Den Essener Philharmonikern gelingt an diesem Abend fast alles. Tomas Netopil lotet die Seele von Richard Strauss’ Elektra voll aus. Mit seinen Musikern stürzt er sich ohne Wenn und Aber in das rauschhafte Konglomerat von Hass und Wahnsinn, macht aber auch deutlich, dass ein solcher Rausch beglückend sein kann. Und er betont die Zäsuren, hält inne und schafft trügerische Momente des Friedens, bevor die Wellen des Seelenchaos wieder sich auftürmen.