La Gioconda im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Blutiges Spektakel mit grandioser Musik

Maria Callas ist es zu verdanken, dass die romantische Gruseloper La Gioconda (Venedig, 1876) des Italieners Amilcare Ponchielli in seinem Heimatland nach wie vor hohes Ansehen genießt. Und in Gelsenkirchen war es einst die Amerikanerin Marilyn Horne, die als Gegenspielerin Laura dieser venezianischen Volkssängerin internationale Maßstäbe setzte. Genug Stoff also, um mit großer Erwartung der Rarität in deutschen Häusern neu zu begegnen: Am Musiktheater im Revier inszenierten für eine Koproduktion mit dem Landestheater Innsbruck die in Nürnberg, Bonn oder Basel schon gefeierten Ungarinnen Alexandra Szemeredy und Magdolna Parditka (zusammen auch für Bühne und Kostüme verantwortlich) das monströse Drama, dessen Libretto von Arrigo Boito nach einem Schauspiel von Victor Hugo verfasst wurde.

Man nehme Verdis Troubadour sowie Meyerbeers Hugenotten und pflanze ihnen obendrauf Ponchiellis Musikkrimi: Alles ist hypertroph gesteigert, alles liegt dem Wahnsinn und der totalen Katastrophe nahe, alle Figuren sind zwischen Intrige, Mord und Terror aufgeputscht, nahezu alle Möglichkeiten menschlicher Emotionen und Tiefschläge werden im Minutentakt brutal ausgekostet. Leichen pflastern gewissermaßen diesen schrillen Opernweg, der eigentlich Venedigs Maskenbälle und Feste als sozialen Hintergrund und als dramatische Sprengkraft bedient. Doch in Gelsenkirchen ist alles anders.

Das Regie-Duo aus Budapest verlegt den Opernthriller in die ebenso prollige und armselige wie diktatorisch geprägte Gegenwart – das Stück könnte im Irgendwo zwischen Nordkorea/China und einem totalitären Staat in Südeuropa angesiedelt sein. Hier die menschenverachtende Maschinerie der Staatsgewalt – dort die heillos verhunzten Beziehungen um die Künstlerin La Gioconda, die den missgelaunten Ex-Grafen Enzo liebt, der aber wiederum seiner Jugendliebe Laura nachstellt. Diese ist jedoch mit dem ungeliebten Alvise verehelicht, der die Schreckensherrschaft verkörpert. Und da gibt es noch zwei „Außenseiter“, die jedoch eine Hauptrolle akquirieren: die blinde Mutter der Sängerin La Ciec, als Hexe denunziert, und den Fiesling Barnaba, eine Mischung aus Spitzel und Jago, der alle miesen Tricks des Kriminellen beherrscht.

Und aus dieser zynischen Ausgangslage entwickelt sich ein haarsträubendes, aber pralles Mit- und Gegeneinander der Protagonisten. Alle wollen töten, alle wollen ihren Profit aus der fatalen Sache ziehen, alle sind „des Menschen Feind“ – wenn da nicht die gute, liebende Gioconda wäre, die sich opfert, die zu ihrer Mutter hält, die ihrer Gegnerin Laura eine Zukunft mit dem aus der Haft befreiten Enzo offen hält. Mit logischen Schritten hat dieses blutige Spektakel nichts gemein.

Aber diese grandiose Musik zu diesem Schreckensszenario! Vom (hier überflüssigen) „Tanz der Stunden“, eine Art makabrer Totentanz als Volksbelustigung, bis zur lyrischen Besinnungsarie, vom monumentalen, aufgepeitschten Chorgesang bis zu filigran ausgearbeiteten Ensembles, von knalliger Orchesterpalette bis zur intimen Todessehnsucht – Ponchielli zieht hier alle Register der Opernkunst des späten 19. Jahrhunderts. Man folgt Rasmus Baumann am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen gern und mit hoher, kaum erlahmender Spannung den Windungen und Wandlungen der satten, heftige Gefühle auslotenden Partitur. Er hat alles, bis auf den leicht verrutschen Orchesterbeginn, bestens „im Griff“. Er zielt auf den Verdi-Verismo dieser verschwenderisch mit Melodien umgehenden Ponchielli-Musik. Baumanns fesselndes Dirigat ist ein Plädoyer für die vergessene oder auch verkannte Oper, ganz allgemein.

Der erweiterte Opernchor des Institutes, noch einmal von Christian Jeub vorzüglich vorbereitet (Jeub wechselt in Kürze nach Bonn), demonstrierte wieder seine Strahlkraft – auch auf der darstellerischen Ebene.

Im Ensemble punkten vor allem vier Solisten: Pjotr Prochera als tückischer Barnaba, ein Bariton mit inzwischen schon heldischen Attacken, bei denen aber immer noch das lyrische Material mitschwingt; Petra Schmidt (Sopran) als verzweifelt-hingebungsvolle Gioconda, die so liebend gern aus ihrem Schattenmilieu aussteigen will in das Sehnsuchtsland der Liebe und der Freiheit, die aber letztlich mit ihrem Tod die Zukunft des neuen Paares sichern kann – es öffnet sich im Finale eine Lichtschneisen-Tür (ein selten gelungenes Symbol für die sonst zugebaute, verengte Architektur einer Scheinwirklichkeit); Almuth Herbst (La Cieca), die als Blinde den oft nicht gerade idealen Drehbühnenraum durchwandert, die als „Typ“ jedoch jederzeit hohe Menschlichkeit verkörpert; Nadine Weissmann (ausdrucksstarker Mezzo) als von Bayreuth empfohlene Laura, die vom Schicksal hin- und hergeschleudert wird. Ein Quartett, das zu Recht nach der dreistündigen Premiere gefeiert wurde. Derek Taylor (Enzo) hat es schwer, mit seinem etwas engen Spinto-Tenor sich gegen die wechselhaft auftrumpfende Stimmenmacht durchzusetzen; Dong Won Seo (Bass) als inhumaner Aparatschik des Regimes, Michael Dahmen als alkoholabhängiger Sportler Zuane und William Saetre als Protokollführer übernehmen kleinere Partien.

Nebenbei: Dass Flüchtlinge vom korrupten Ausbeuter-System erst misshandelt, dann reihenweise sinnlos erschossen werden, brachte den Regie-Damen am Ende einige Buhs des über die musikalische Qualität des Reißers außerordentlich beeindruckten Auditoriums im ausverkauften Großen Haus ein.