Tree of Codes im Köln, Oper

Schöne Neue Musikwelt

Eigentlich ist die Literaturoper ein totes Genre. Über 90% der diesbezüglichen Uraufführungen der letzten Jahre – und das sind nicht wenige – lassen sich mühelos in zwei Kategorien einteilen. Entweder erzählt der Komponist das Handlungsgeschehen der Vorlage weitschweifig nach, gerne in der Spätromantik abgelauschter, spannungsarmer Klangsprache mit aufhübschender Percussion und braven Dissonanz-Effekten und Klangballungen, oder es werden einzelne Teile aus der Erzählung herausgebrochen und extrem subjektiv gestaltet, die Kenntnis der literarischen Vorlage wird vorausgesetzt und Gesang im engeren Sinne spielt keine Rolle mehr. Eigenständige kompositorische Zugriffe gibt es zwar – Rolf Riehms 2014 in Frankfurt uraufgeführte Sirenen oder Aribert Reimanns Medea seien angeführt. Die Regel sind sie aber nicht.

Die Kölner Oper darf sich glücklich schätzen, mit Tree of Codes der australischen Komponistin Liza Lim, die wohl spannendste Literaturoper-Uraufführung der letzten Jahre herausgebracht zu haben. Lim nutzt ihre Vorlagen - die Buchskulptur von Jonathan Safran Foer basiert auf der inhaltlich zusammenhängenden Kurzgeschichtensammlung die Zimtläden des polnischen Dichters Bruno Schulz – weder als Bibel noch als Steinbruch. Für sie und den Regisseur Massimo Furlan, mit dem sie das Projekt über drei Jahre entwickelt hat, ist die Literatur Sprungbrett für die eigene musiktheatrale Fantasie. So ist eine Komposition entstanden, die in sich geschlossen ist, große Stringenz und Schönheit hat und eine eigene, von den Vorlagen unabhängige Inhaltlichkeit beansprucht. Natürlich schmeckt man Foer und Schulz durch, sind Handlungsmotive, atmosphärische und formale Tansformationen grundlegend für das neue Stück. Aber es lebt aus sich selbst.

Erzählt wird die Geschichte eines Sohnes, der mit dem Dahinschwinden, Sterben, Tod seines Vaters zurechtkommen muss. Die Bühne ist ein Labor, bevölkert von Forschern, das vom Vater auf den Sohn übergeht, symbolisiert durch einen großen Vogelkopf, den erst der Vater, am Ende der Sohn aufhat. Dieses Labor bevölkern – der große Clou der Kölner Aufführung – die 17 Musiker des Ensemble Musikfabrik. Sie spielen mit, singen, wenig solistisch, aber zum Ende hin in herrlichen A-Cappella-Chören, und musizieren grandios miteinander, teilweise auf merkwürdigen Instrumenten mit weit mehr Öffnungen, als man es gewöhnt ist. Es beginnt mit Dschungelgeräuschen, Vogelstimmen, merkwürdigen Piepsern und Schnarrern. Naturhaftem eben. Dann wird die Klangwelt, bis hin zu einem bizarren Trauermarsch fürs Blech und großformatigen Erzählungen für den Sopran immer zivilisierter. Man folgt gerne. Auch weil Lim für Stimmen zu schreiben versteht. Sopran und Bariton finden gewaltige, aber dankbare Aufgaben vor. Emily Hindrichs als weibliches Objekt der Begierde und Christian Miedl in der zentralen Rolle des Sohns reüssieren mit großer, auch darstellerischer Intensität, vor allem aber mit einer Staunen machenden musikalischen Entspanntheit.

Die einfache, offene Geschichte mit ihren vielen rätselhaften musikalischen wie szenischen Verwandlungen und Maskierungen vermag zu ergreifen. Massimo Furlan führt Solisten, Musiker, vier Schauspieler aus seiner internationalen Truppe und selbst den hervorragenden Dirigenten Clement Power, der als verirrter Stadtstreicher als eine Art Auge des Orkans dieser Aufführung über die Bühne wankt, mit behutsamer Präzision. Langsamkeit ist sein theatralisches Konzept. Aber dieses Langsamkeit wird nicht langweilig, weil sie mit Konzentration einhergeht, so dass der Zuschauer denkend und fühlend Kleinigkeiten wahrnimmt. Dass es immer wieder Sinnlücken, Leerstellen gibt, ist der Vorlage geschuldet, hält wach – und ist eine große Herausforderung für Regisseure und Darsteller, die sich an Tree of Codes in der Zukunft hoffentlich gelegentlich abarbeiten werden!