Der Rosenkavalier im Theater Hagen

Eine tolle Ensemble-Leistung

„Wie Du warst! wie Du bist! Das weiß niemand, das ahnt Keiner!“ Dem Geheimnis der Persönlichkeiten der Liebenden in Richard Strauss’ Rosenkavalier scheint Gregor Horres in seiner Hagener Inszenierung nachspüren zu wollen. Er verzichtet wohl deshalb weitestgehend auf Ausstattung. Zwei schmucklose Betten, ein paar Stühle und zwei verschiebbare Trennwände stellt ihm Jan Bammes auf die Bühne. Das scheint zu genügen um die Beziehungen der Handelnden zu versinnbildlichen. Das ist karg, verschafft aber durchaus Einblicke, zumal es Horres wohl auf andere mögliche Deutungsebenen als diesem Beziehungsgeflecht der Liebenden (oder Nicht-Liebenden!) nicht so sehr ankommt. Ab und an bleibt er dann sehr an der Oberfläche. Die Faunshörner der Gefolgschaft des Ochs sind dafür ein Beispiel - wie auch die Schaffung eines hinzuerfundenen Synonymenpaars: Octavian und ein mal tanzender, mal vom Schnürboden schwebender Amor. In toto aber gelingt es Horres durch seine sehr zurückgenommene szenische Interpretation, den Fokus ganz auf Musik und Text zu legen. Das wäre Richard Strauss und seinem kongenialen Librettisten Hugo von Hofmannsthal sicher auch am liebsten gewesen.

Und die Akteure in Hagen stellen sich dieser Aufgabe mutig und sehr erfolgreich. Allen voran die Hagener Philharmoniker. Florian Ludwig gelingt es trotz (oder gerade wegen?) der aufgrund der begrenzten Größe des Orchestergrabens reduzierten Orchesterbesetzung, die Feinheiten der Partitur wunderbar hörbar zu machen. Ständig gibt es da etwas Neues, scheinbar nie Gehörtes zu entdecken. Kritikpunkt: die massive Lautstärke immer dort, wo Strauss über ein Forte hinausgeht. Da wäre zu dämpfen statt aufzudrehen.

Dass alle großen Rollen aus dem eigenen Ensemble besetzt werden können, stellt eindrucksvoll die Qualität des Hagener Hauses unter Beweis. Herausragend ist sicherlich Rainer Zaun als Ochs. Stimmlich und darstellerisch bringt er – ganz in alpenländische Tracht gewandet – die selbstverständlich daher kommende natürliche Unverschämtheit seiner Figur perfekt und eindringlich zum Ausdruck. Veronika Haller besticht als Marschallin vor allem durch wunderschön aufblühende Spitzentöne. Maria Klier und Kristine Larissa Funkhauser präsentieren als Sophie und Octavian sicher noch „works in progress“. Da ist vieles eben noch nicht perfekt, sind Härten zu hören, sind Töne eben noch nicht bis auf das Letzte gearbeitet. Aber das ist ja das Wunderbare daran, dass es Theater wie das in Hagen gibt: Dort können sich gute, talentierte und lange in der Praxis stehende Sänger weiter ausprobieren, ihren eigenen (Rollen-)Horizont weiten - und ihrem Publikum dabei ganz wunderbare Theatermomente bescheren.

Wollen wir hoffen, dass die Hagener Stadtväter und -mütter verhindern, dass ihr vor 105 Jahren erbautes Theater zu einem beliebigen mutiert, dass es womöglich in Zukunft nur noch von Reisebühnen bespielt wird. Damit würden die Verantwortlichen dieser Stadt ihr ein weiteres individuelles Merkmal nehmen und sie vorantreiben auf dem Weg weg von einer Heimat für ihre Bürger hin zur seelenlosen Wohnstatt.