Die Walküre im Stadttheater Minden

In Wotans guter Stube

Ganz innig legt Brünnhilde die Arme um ihren Vater Wotan – zärtlich und verzeihend. Dabei ist sie es doch, die von ihm in wenigen Augenblicken in einen langen Schlaf gelegt werden wird. Untröstlich ist Wotan über die Trennung von seiner Tochter und entzieht ihr mit einem zärtlichen, intimen Kuss ihre Göttlichkeit.

Das sind die Momente, mit denen Gerd Heinz’ Mindener Ring schon im Rheingold bestach: Er macht Götter und Helden menschlich, zeigt ihre Beziehungen und Emotionen – wie jetzt in der Walküre. Da kann er den Vorteil des kleinen Mindener Theaterraums nutzen, denn die Zuschauer sitzen ganz dicht am Geschehen. Und so ist es sehr amüsant zu beobachten, wie bei Wotans die Fetzen fliegen, wie unsichtbare Giftpfeile hin- und hersausen und (dank Fricka) der Haussegen gehörig schief hängt.

Doch in der vorgegebenen Intimität des Raums liegt auch das Dilemma dieses Rings. Das Maß an Bewegungsmöglichkeiten ist sehr eingeschränkt und so entwirft Heinz außer Personenausdeutung keine anderen Interpretationsebenen, bleibt bei einer Nacherzählung des Inhalts. Deshalb entstehen Passagen, die eher spannungsarm sind. Doch im Ganzen gelingt es ihm immer wieder, elektrisierende Szenen einzustreuen.

Frank Philipp Schlößmann zeigt wieder den bühnenumspannenden roten Ring – das „Wahrzeichen“ der ehrgeizigen Produktion des Mindener Wagnerverbandes. Ansonsten spielt die Walküre auf terrazzo-gemustertem Boden. Schlößmann spart auch nicht mit Ringsymbolik. So ist die Weltesche ein Viertelring mit dem Schwert Nothung in der Mitte.

In den Videoeinspielungen Matthias Lipperts sehen wir eine stilisierte Hundemeute, mit der Hunding Siegmund und Sieglinde verfolgt und eine Schimmelherde zum Walkürenritt. Etwas dürftig bleibt der Feuerzauber, fast so als ob die Elektrizitätswerke Minden-Ravensberg einen Sparzwang verhängt hätten.

Alle kleinlichen Mäkeleien sind aber vergessen, wenn Frank Beermann den Taktstock hebt und mit der Nordwestdeutschen Philharmonie beginnt, die Partitur aufzublättern. Und genau das tut er, Stück für Stück fördern die Musiker die Preziosen zutage, machen Wagners Klangwerk wunderbar durchhörbar. Auch für Wagner-Adepten gibt es da ganz viel zu entdecken. Wer behauptet, dass die Herforder kein Opernorchester seien, wird hier eines Besseren belehrt.

Und sängerisch ist alles vom Feinsten bestellt: Thomas Mohr ist ein kraftstrotzender Siegmund, dem vielleicht bisweilen etwas die lyrischen Zwischentöne fehlen. Die hat Magdalena Anna Hofmann als Sieglinde. Ihre dunkel timbrierte Stimme entfaltet Liebesglut und Leidensfähigkeit gleichermaßen. Renatus Mészár ist ein müder, abgekämpfter Wotan, der an zu vielen Fronten gleichzeitig kämpfen muss, während Dara Hobbs’ Brünnhilde frisch und wagemutig daher kommt. Das machen gleich ihre hellen Hojotoho-Rufe klar. Tijl Faveyts ist ein sehr nobler Hunding und Kathrin Göring eine wunderbar angriffslustige, selbstbewusste Fricka. Ohne Fehl und Tadel auch die Walkürenschar, die als eine Art Ninja-Kämpferinnen über die Bühne fegt.

In Minden erlebt man kein Wagner-Wunder, sondern eine von viel bürgerschaftlichem Engagement getragene, stimmige Produktion. Und wann ist man schon mal so nah dran an all’ den Göttern und Menschen? Große Begeisterung beim Premierenpublikum in der Weserstadt. Beim Siegfried sieht man sich wieder!