Weiße Rose im Köln, Oper

Reflektionen über ein Kapitel fataler Geschichte

„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerspruch von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren“ zu lassen.“ So lautet der Anfangssatz des Flugblattes, welches die studentische Widerstandsgruppe “Weiße Rose“ 1942 verfasste. Bei einer Verteilung in der Münchner Universität wurde sie beobachtet und bei der Gestapo denunziert. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl (22 bzw.25 Jahre alt) und etliche ihrer Freunde wurden verhaftet und kurze Zeit später hingerichtet. Diesen Ereignissen hatte sich Udo Zimmermann bereits als Mittzwanziger kompositorisch zugewandt. Bei dem Bühnenwerk Weiße Rose handelte es sich um die  Abschlussarbeit an der Dresdner Musikhochschule. Als rund zwei Jahrzehnte später die Hamburgische Staatsoper mit dem Angebot an ihn herantrat, das Werk in eine definitive Aufführungsform zu bringen, zögerte Zimmermann, bei der alten, eher dokumentarischen Konzeption zu bleiben. Schließlich ließ er sich von dem Dramaturgen Wolfgang Willaschek einen Text erarbeiten, welcher von realistischen Momenten völlig absah, sondern reflektive Tagebuchaufzeichnungen der Geschwister Scholl benutzte. Hinzu kamen Prosa und Lyrik u.a. von Dietrich Bonnhoeffer, einem namentlich ebenfalls sehr bekannten Mitglied der „Weißen Rose“. Auch Psalmtexte aus dem Alten Testament flossen in das Libretto ein.

In den fünfundsiebzig Aufführungsminuten lassen Sophie und Hans Vergangenes gedanklich an sich vorbeiziehen, machen sich bewusst, dass ihr Leben nach ihrer Gefängnisnacht (es ist der 22. Februar 1942) ein grausames Ende finden wird. Hoffnungen und Ängste wechseln sich ab, doch nie kommt Zweifel darüber auf, dass sie nicht richtig gehandelt hätten. Zuletzt sind die Geschwister in sich gefestigt und sehen dem Tod gefasst entgegen.

Ein limitiert besetztes Instrumentalensemble, welches dennoch zu großer Orchesterlautstärke fähig ist, folgt den Gedanken und Assoziationen der Protagonisten. Zimmermanns Musik wirkt dort besonders stark, wo sie sich in Pianissimodunkelheit begibt und dabei mitunter sogar fast unhörbar wird. Schlagzeug-Eruptionen, vor allem die immer wieder repetierten Schläge auf Metallblocks stehen für die brutale Außenwelt. Musiker des Gürzenich-Orchesters realisieren das unter der wachsamen Leitung von Arne Willimczik mit klanglicher Dringlichkeit.

Seit ihrer Hamburger Premiere war die Weiße Rose überaus erfolgreich;  der Komponist selber will an die hundert Aufführungen gesehen haben. 2013, bei Gelegenheit von Zimmermanns 70. Geburtstag, hatte die Oper nochmal einen Produktionsschub; Inszenierungen anno 2016 reflektieren vermutlich das exakt drei Jahrzehnte zurückliegende Hamburger Premierenereignis, so wie jüngst in Augsburg. Dort saß das Orchester übrigens im Szenenhintergrund, vorne agierten die beiden Sängerdarsteller auf einer mit Flugblättern übersäten Bühne.

Für Köln hat Nefeli Myrtidi eine traditionelle Guckkastenbühne entworfen, deren klobige Wände das Unausweichliche der Situation dringlich versinnbildlichen. Ein Wasserbecken, in das es von oben hinein tropft, eine lichtfahle Lampe, rieselnder Sand und schemenhafte Figuren hinter erleuchteter Rückwand versinnbildlichen, was im Text steht bzw. assoziative Verdeutlichung verspricht. Das ist in seiner Symbolhaftigkeit fraglos eindrucksvoll, aber gelegentlich auch etwas plakativ. Den wiederum plakativen Schluss der Oper mit dem Aufruf zum Widerstand gegen fatalistische Verhältnisse hätte die insgesamt plausibel arbeitende Regisseurin Niki Ellinidou, wie ihre Ausstattungskollegin aus Griechenland stammend, gerne etwas herabdimmen dürfen. Mehrfach waren in der Premiere so etwas wie Vogelstimmen zu hören, es könnte sich aber auch um unfreiwillige Geräusche im Gestänge des Bühnenaufbaus gehandelt haben. Es sei da also nichts hinein geheimnisst. Das Konzept der Inszenierung wurde übrigens mit dem Europäischen Opernregiepreis ausgezeichnet. Unter den Juroren befand sich auch die Kölner Opernintendantin Brigit Meyer

Die heftig akklamierten Sänger zum Schluss, aber wahrlich nicht als Letztes. Freilich sind teilweise leichte Einschränkungen zu machen. Wolfgang Stefan Schwaiger, dem sogar ein Kopfbad aufoktroyiert wird, ist ein expressiver Darsteller, seine Stimme geht über einen Spielbariton derzeit aber nicht hinaus. Bei der über weite Strecken aber doch recht kantabel konzipierten Partie des Hans Scholl wirkt sein Gesang oft unstet und fahrig, was durch die sympathische Bühnenerscheinung nur bedingt kompensiert wird. Claudia Rohrbach (für die als Nächstes die Christel von der Post in einem halbszenischen Vogelhändler ansteht) hat sich in ihren vielen Kölner Jahren immer wieder als äußerst vielseitige und bühnenintensive Sängerin erwiesen (Rollenhöhepunkt aus jüngerer Zeit: die Gouvernante in Brittens Turn of he Screw). In die Rolle der Sophie Scholl investiert sie die ganze Glut ihrer expressiven Bühnenpersönlichkeit. Großartig. Gerne überhört man, dass ihr die extremen Höhen der Partie schon mal leichte Anstrengungen bereiten.