Falstaff im Köln, Oper

Ein armer Ritter

Was geht in einem Menschen vor, dessen Leben in wenigen Tagen aus den Fugen gerät? Dessen Souveränität plötzlich durch ein unfreiwilliges Bad in einem schmutzigen Fluss wie weggewischt ist? Verdis Falstaff muss erkennen, dass sein lange gepflegtes, ritterliches Leben überkommen ist, denn vier bürgerliche Frauen zeigen ihm das auf drastische Weise, indem sie ihn gnadenlos bloßstellen. Dietrich Hilsdorf versinnbildlicht diese Quintessenz einer ganzen Oper in einem einfachen, wie unglaublich treffenden Bild: Der riesige Bauch des Titelhelden wird einfach abgeschnallt, da er im Fluss nass geworden ist. Dieser sorgsam gepflegte Wanst war Schutzschild des Ritters gegen eine feindlicher werdende Welt – Symbol für das Funktionieren seines tradierten Lebens. Aber Falstaff ist nicht am Ende nachdem der Bauch weg ist. Trotz aller Demütigungen bleibt ein Mensch zurück, dessen unerschütterlich Würde ihn einfach liebenswert macht. Er wird seinen Weg weiter gehen, auch wenn seine Lebensweise ausstirbt: „ Va, vecchio John, va, va per la tua via“.

Dieter Richter genügt für die Bühne eine lange, schlicht mit weißen Tischtüchern gedeckte Tafel, die geteilt werden kann durch einen Vorhang, der ein Gemälde eines üppigen Renaissance-Festmahls zeigt. Davor sieht man das Wirtshaus, in dem Falstaff logiert, dahinter das Speisezimmer der Familie Ford. Renate Schmitzer kostümiert wie immer höchst geschmackvoll - Abendanzug für die Herren, grau-schwarz schattierte Kleider für die Damen. Der Coup allerdings sind die Soßenflecken auf Falstaffs Frack. Die kommen so unendlich traurig daher – Zeichen dafür, dass selbst die Statussymbole nicht mehr lupenrein funktionieren.

Wie fast immer beim bewährten Regieteam ist läuft alles perfekt. Hilsdorf gelingen gerade in dieser Ensemble-Oper ganz fein aufeinander abgestimmte Szenen. Er hat einfach jede Figur im Auge – entwickelt sorgsam abgewägte Gestik und Mimik. Dabei wird auch sein unglaubliches Geschick deutlich, Ensembles bis ins Letzte durchzuformen, keine Figur jemals aus den Augen zu verlieren.

Wunderbar, dass auch nicht mit Situationskomik gespart wird, spontane Lacher im Publikum immer wieder geweckt werden. Und doch weht immer ein Hauch von zarter Melancholie über die Bühne. Und so bedarf es in der Schlussszene auch keines großen Bühnenzaubers mehr. Längst sind durch Hilsdorfs scharfe Figurenausdeutung alle Positionen geklärt. Da dient der Mummenschanz eher als Aufgalopp zum Gegensätze überbrückenden Versöhnungsmahl. Ob alle wirklich glücklich sind? Ganz sicher nicht die brutal behandelte Prostituierte, mit der Hilsdorf wenigstens einer seiner „alten Bekannten“ auf die Bühne schickt.

Glücklich sein kann auf jeden Fall das Publikum, denn die Kölner Solisten lassen sich auf das Ensemblespiel ein, interagieren und kommunizieren höchst spielfreudig. Martin Koch als armer geprügelter Dr. Cajus ebenso wie Ralf Rachbauer und Lucas Singer als Falstaffs Spießgesellen. Emily Hindrichs ist mit hellem Sopran eine eher forsche Nannetta. Liparit Avetisyan gibt als Fenton sein Deutschlanddebut und lässt mit strahlendem Tenor aufhorchen.

Die Stimmen der Damen mischen sich gerade in den Ensembles hervorragend, dunkel grundiert von Dalia Schaechter als Mrs. Quickly, sehr beweglich und einem Glas Likör niemals abgeneigt. Fein abgestimmt legen sich darüber Adriana Bastidas Gamboas Mezzo und Natalie Karls Sopran. In Köln spinnen Meg Page und Alice Ford ihre Intrigen gegen Falstaff stimmlich eher mit feinen Nadelstichen, denn mit einer Kraftoffensive. Fein austariert singt Nicholas Pallesen den Ford - mal Kraftmeier, mal kleinlaut Übertölpelter. Den Titelhelden spielt Lucio Gallo ganz vortrefflich, wenn er rollengestalterisch auch die ein oder andere Nuance schuldig bleibt.

Ganz auf der Höhe ist das Gürzenich-Orchester unter Will Humburg. Da geht von Verdi nichts verloren – weder Momente des Innehaltens, feiner Ironie oder polternder Komik. Wie Humburg anfänglich scheinbar aus dem Nichts Tempi anzieht und sie bis ins größte Tohuwabohu steigert, das ist einfach delikat. Viel Komik gepaart mit einer gehörigen Portion Wehmut auf der Bühne und im Orchester kennzeichnen einen in sich geschlossenen Falstaff.