Die Blume von Hawaii im Dortmund, Oper

Jazz, Swing und viele Klischees

Der „Spiegel“ war es, der Anfang der 50er Jahre vom Schicksal des ungarisch-serbischen Komponisten Paul Abraham, der in Deutschland/Österreich seine größten Erfolge feierte, ausführlich berichtete: Abraham war im Exil in den USA in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert worden – er war schwerkrank. Erst um 1956 holte ihn ein deutscher Freundeskreis nach Hamburg zurück. Dort lebte Abraham (1892 -1960), zuletzt geistig verwirrt, bis zu seinem Tode.

Diese Rückholsituation steht am Anfang der auf Anspruch getrimmten Dortmunder Inszenierung von Die Blume von Hawaii, Verbindungsglied zwischen Wiener Operette und amerikanischem Musical. Jazz dominiert – für das europäische Publikum bei der Uraufführung 1931 ein Gewinn, für die US-Fans eher schon ein wieder alter Hut. Deshalb konnte sich der jüdische Mitbürger Abraham im neuen Kontinent nur bedingt durchsetzen…

Die Blume von Hawaii: Kitsch und Klischee neben Exotik, Slapstick neben Polit-Satire, Unterhaltungsspaß neben Un-Sinn, Revue-Elemente neben klassischer Komödie, Paradies neben Billig-Tourismus. Mit anderen Worten: Dieses alles zum flotten, unterhaltenden, vielleicht sogar entlarvenden Ganzen zusammen zu bringen, gleicht einer großen Herausforderung. Die in Dortmund weitestgehend gelang. Denn wo findet man (versteckte) aktuelle Politik (die USA hatten sich Hawaii als 50. Bundesstaat angeeignet) so raffiniert eingebunden wie in dieser Jazz-Operette. Die Dortmunder hatten schon 2015 mit dem Abraham-Stück „Roxy und ihr Wunderteam“ am Remake dieses fast vergessenen „Schlager-Komponisten“ (so ein Falschurteil jener Zeit) gefeilt.

So gibt es nun auf der blumig-grellen Garten-Eden-Variante im Großen Haus serienweise Hits zu hören: „Am Meeresstrand…“, das „Diwan-Püppchen“, „Bin nur ein Jonny“, „Wo es Mädels gibt, Kameraden“, „Ich lege dir die Welt zu Füßen“ – Songs, mit denen einst Peter Alexander, Rudolf  Schock, Maria Mucke, Margit Schramm oder Willy Schneider reüssierten. Die Handlung spielt fast keine Rolle – immerhin kommen zum Schluss die unterschiedlichen Paare zusammen. Ende gut, alles gut?

Nein, denn hinter den flotten Sprüchen, hinter den chaotischen Figuren, hinter der blumigen Kulisse (auf der sich ständig verändernden, filmische Ressourcen bedienenden Drehbühne), hinter der abstrusen Logik  klingen andere Töne an: Rassismus, Polit-Strukturen, Liebeshändel als Staatsräson usw. – es fehlte eigentlich nur noch Donald Trump als vorgeahnte Abrahamsche Zielscheibe.

Was die Dortmunder Bemühungen um dieses Hawaii-Special – Königin Lara kehrt just an dem Tag aus Paris nach Honolulu zurück, als auch Prinz Lio-Tara die Geschicke seines Landes neu lenken will – anbelangt, wird auf Tempo und Folklore-Tänze Wert gelegt, ebenso auf angemessene Stimmen und eine Gute-Laune-Musik. Die Charaktere verschwimmen hinter diesen Vorgaben im Niemandsland. Eine wichtige Funktion nimmt jedoch Jim Boy (Gaines Hall) ein: Der weiße Musiker färbt sein Gesicht schwarz ein – eine böse Parodie auf die „Nigger-Kultur“ der US-Musikindustrie... Hall überspielt diese herausragende Rolle weniger durch ironische Kommentierung der Szenen als durch große Step-Kultur. Er ist der Dancing-Star dieses sehenswerten Projekts, das vom Premierenpublikum gefeiert wurde.

In der Musikriege geben weitere Ensemblemitglieder (oder Gäste) den lässigen Abraham-Ton in der aufgebrezelten Regie von Thomas Enziger an: Emily Newton als Laya, angelegt als Grand Dame mit melancholischen Anleihen, Marc Horus als Prinz Lilo-Taro, Karen Müller  (Bessie Worthington) und Verena Barth-Jurca (Raka) als temperamentvoll-weibliche Zielprojektionen oder Jens Janke als trubelig-schusseliger Operettenclown, der nur scheinbar als Verlierer da steht…

Ein Gewinn: das Dortmunder Philharmonische Orchester, jazzig aufgewertet und nicht aufgeplustert besetzt, unter der wendigen Leitung von Kapellmeister Philipp Armbruster, und die blitzsaubere Choreographie von Ramesh Nair, der das Tanzensemble souverän zwischen Hawaii-Folklore und US-Rhythmen pendeln lässt.

Dortmund könnte weitere Abraham-Schätze aus dem Fundus der Musikgeschichte im 20. Jahrhundert hieven. Die Suche lohnt sich. Das tragische Schicksal dieses Komponisten könnte einen positiven Nachhilfe-Unterricht gut vertragen.