Rigoletto im Essen, Aalto-Theater

Hin und wieder platzt ein Luftballon

Zum Anbeginn ist da nur grau-schwärzlicher Bühnennebel, der zögernd weicht und eine Kontur freigibt. Im Orchestergraben tönt’s derweil so geheimnisvoll wie bedrohlich, oben schält sich die Figur schärfer heraus: Rigoletto, der sich recht unfroh, wie aufseufzend und schulterzuckend das Clownsgesicht überstülpt. Dann wird im Essener Aalto-Theater ein grelllila Vorhang aufgezogen – die große Maskerade namens Rigoletto kann beginnen.

Der Narr als Clown, das hat vor ein paar Jahren Robert Carsen in Aix-en-Provence gezeigt. Dort entpuppte sich Rigoletto als Bajazzos Bruder im Geiste, dessen spöttisches Lachen binnen Sekunden in herzerweichendes Schluchzen mündete. Schon während des Vorspiels wurde klar: Hier gilt’s der großen Tragödie. In Essen aber kredenzt uns Regisseur Frank Hilbrich eine Kriminalgeschichte aus dem Macker-Milieu, die weder zum Schwarze-Serie-Thriller taugt noch zum Clownshorror á la „Es“.

Vorhang auf also: Am Hofe zu Mantua tragen die Herren langweilige Anzüge, die Damen, die sich dem libidinösen Herzog selbstlos anbiedern, lockere Kleidchen (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Nach ein paar Takten festlicher Bühnenmusik liegt der erste Busen blank, ergehen sich Rigoletto und einige andere in den handelsüblichen Kopulationsbewegungen. Die Frauen entpuppen sich alsbald als Professionelle, überschminkt und bisweilen wie Zombies wirkend. Doch statt Zynismus, der sich zum Grauen wendend, herrscht hier ein munter-frivoler Ton vor, mit Herzog und Narr als Strippenzieher. Selbst Monterones Fluch entbehrt der Dämonie. Vielleicht auch, weil allüberall diese bunten Luftballons nach Party aussehen. Laissez-faire statt großes Drama.

Volker Thiele hat das Geschehen mit einer halbrunden Wand aus übermannshohen, verspiegelten Segmenten umfriedet, damit gleichzeitig die Riesenbühne des Aalto auf ein beherrschbares Spielfeld reduziert. Später weitet sich der Raum ein wenig, um den Blick freizugeben auf Gildas Gemach. Tatsächlich: Rigolettos Tochter muss einmal nicht im Verlies dahinschmachten. Schade nur, dass die finale große Quartett-, Sturm- und Mordszene sich überwiegend vor dem lila Vorhang abspielt – der Raum ist verschenkt, die atmosphärische Schwärze sowieso.

Ja, im Graben mögen die musikalischen Elemente toben, etwa wenn Rigoletto die Höflinge anklagt, seine Tochter entführt zu haben, auf der Bühne aber versagt sich der Bariton Luca Grassi jegliche Entäußerung. Die Titelrolle gestaltet er mitunter markant, aber oft bemüht, weder schneidend zynisch noch profund diabolisch, wie es sich für einen Steven-King-Horrorclown wohl gehören würde. Dass er laut Regie ein alter Ego des nachtschwarzen Auftragskillers Sparafucile sein soll (Tijl Faveyts singt schön schaurig und verschlagen) – sichtbar gemacht in einem tänzerisch anmutenden Dialog – bleibt Behauptung. Diese vielleicht düsterste Szene in Verdis Opernknüller verliert auch optisch an Kraft: Spätestens jetzt gilt unser Fluch dem aufreizend lila Vorhang. Was nutzt es da, wenn Dirigent Matteo Beltrami und die Essener Philharmoniker nuancenreich Atmosphäre zaubern.

Auch die breit angelegte Szene zwischen Rigoletto und Gilda zeigt den Narren nicht gerade als fluchbeladenen, sich in wahnhafte Angst hineinsteigernden Vater. Eher wirkt er fahrig und nervös. Ganz anders Cristina Pasaroiu als Gilda, trotziges Kind und verliebte junge Frau in einer Person, mit leicht dramatisch eingefärbtem Sopran ihre Leidenschaft frei heraussingend, sich in höchsten Tönen verlierend. Ihr nehmen wir die echte Zuneigung zum Herzog, diesem Hallodri, ungeprüft ab, wie auch ihre selbstlose Opferbereitschaft bis hin zum Tod. Schade nur, dass ihr leichtfüßiger Angebeteter in Gestalt von Carlos Cardoso oft allzu druckvoll singt, um tenorales Strahlen zu verbreiten.

So werden wir mit dieser Rigoletto-Deutung nicht recht froh. Mummenschanz statt Horror, und hin und wieder platzt ein Luftballon. Der Applaus ist laut und herzlich, aber nach zwei Verbeugungsdurchgängen strebt alles schnell dem Ausgang zu.