Alcina im Theater Münster

Von eiskaltem Hass und lodernder Rache

Hoppla, da hatte man sich auf einen Händel-Abend eingestellt mit vielen wunderschönen Arien, in denen die Gefühlswelt der Protagonisten intensiv ausgedeutet werden. Die gab es auch - und dennoch war die Oper um die Zauberin Alcina in zweieinhalb Stunden vorbei – im IC-Tempo quasi, Pause inklusive.

Regisseur Sebastian Ritschel und Dirigent Attilio Cremonesi haben diese Fassung erstellt und sich leiten lassen vom Primat einer durchsichtigen, vorangetriebenen Handlung. Das hat unbestreitbar Vorteile: Jeder im Publikum weiß immer, was gerade passiert, kann dem Geschehen folgen. Vor allem, weil Ritschel sich ganz auf die Titelfigur konzentriert - die Zauberin nämlich, die in einer festgefügten Welt lebt, in der sich alles ihrem Willen unterzuordnen hat. Folgerichtig, dass Ritschel Alcinas Reich anlegt wie es Hans Christian Andersen in seinem Märchen Die Schneekönigin tut. Es ist ein in sich erstarrter Frostkosmos. Markus Meyer baut ihm dazu eine kongeniale Bühne: Da gibt es kein Winterweiß-Einerlei, sondern eine fein grau-silbern abgestufte kalte Hölle, in der Alcinas Ex-Lover als Untote spuken.

Dann kommt Ruggiero und alles ist anders. Alcina verliebt sich wirklich, obwohl ihr klar ist, dass sie diesen Mann unter Zauber an sich gebunden hat. Als dann dessen Geliebte Bradamante auftaucht, kommt es zur Katastrophe. Alcinas Welt löst sich in nichts auf.

Dieses Spannungsfeld hat Sebastian Ritschel im Fokus und lässt „seine“ Alcina das komplette Spektrum von tiefer Liebe bis zu abgründigem Hass durchleben. Er bereitet Henrike Jacob in ihren Arien perfekte Auftritte, stellt sie ganz in den Mittelpunkt. Einfach toll anzusehen, wie sie in einem silbrigen Barockoutfit die Bühne betritt, dieses sich nach und nach blutrot färbt, wie sie sich Gummihandschuhe anzieht und eine Axt schwingt, um ihr Rachewerk zu vollenden. Jacob nutzt die Möglichkeiten, die das Regieteam ihr bietet, auf das Beste. Defizite im Koloraturgesang gleicht sie durch ein hohes Maß an Expressivität und darstellerische Präsenz aus.

Die Konzentration auf die Titelfigur ist Stärke wie Schwäche von Ritschels Inszenierung. Denn so – vielleicht auch durch die Striche in der Partitur – geht die Konturierung der anderen Figuren unter. Sie bleiben nebelhaft bis verschwommen und dienen allenfalls als Stichwortgeber für die große Magierin. Das ist schade, denn das Ensemble des Theaters Münster hat in punkto Barockgesang einiges zu bieten. Eva Bauchmüller etwa als Alcinas Schwester Morgana lässt nach etwas nervösem Beginn feine Koloraturen nur so aus ihrer Kehle perlen. Lisa Wedekind als Ruggiero steht ihr da in nichts nach. Vor allem aber Charlotte Quadt als Bradamante lässt keine Wünsche offen. Sie verfügt über wunderschöne tiefe Register, lässt Bradamantes Qualen lebendig werden.

Attilio Cremonesi schwört das Sinfonieorchester Münster auf einen fast knorzigen Sound mit wenigen innehaltenden Momenten ein. Er strebt unaufhaltsam dem Ende entgegen. Kein Wunder, denn wer möchte schon länger als nötig in einem Eiskeller verweilen.