Madama Butterfly im Theater Duisburg

Madama Butterfly in Trümmern

Cio-Cio-Sans Welt bricht nicht nur zusammen, weil ihr Geliebter Pinkerton sie verlässt und sie vergebens auf seine Rückkehr hofft. Nein, ganz real wird ihre Umgebung in Schutt und Asche gelegt durch einen Krieg. Am Ende des ersten Aktes der Madama Butterfly nämlich fallen – einem coup de théâtre gleich - ohrenbetäubend lautstark Bomben auf Nagasaki (!) und legen dessen amerikanisches Konsulat in Schutt und Asche. Dieses hatte Alfons Flores mit wehrhaften Säulen wie eine Trutzburg auf die Bühne gesetzt. Und die sollte es auch sein für die Geisha, die sich durch ihre Liebe zum Amerikaner Pinkerton hier ein neues, erfülltes Leben versprach. So aber zerplatzt ihr Traum, nicht nur durch die Leichtfertigkeit des Mannes sondern auch physisch durch Bomben, die ihre gewohnte Umgebung vollends zerstören. Juan Anton Rechi wählt also ein unwiderrufbare Vernichtung manifestierendes Bild. Das ist ein starkes Fanal - ob es dann allerdings nach Ende des ersten Aktes immer in Kongruenz zu bringen ist mit dem Fortlauf der Handlung, die ununterbrochen in Trümmern sich abspielt, liegt sicher im Empfinden jedes einzelnen Zuschauers.

Weil Rechis Butterfly den Versuch unternimmt, radikal zu brechen mit japanischer Tradition, gibt es auch kein Liebesnest mit Shoji-Türen und Futon. Von der Drehbühne hereingefahren wird stattdessen ein schweres Mahagoni-Ehebett für die Brautnacht. Überhaupt ist die Drehbühne im wahrsten Sinne des Wortes Motor dieser Inszenierung, entscheidend für alles, was an Bewegung kreiert wird. Das wirkt teilweise eher etwas unruhig, denn das ständige Drehen gibt nicht nur Schwung, sondern bisweilen auch ein wenig Hyper-Drive wie auf einem Karussell.

Drive haben vor allem die Duisburger Philharmoniker unter Aziz Shokhakimov. Da kommt Puccini mit satten, nie schmalzigen Klängen daher. Ein wenig jedoch, so scheint es, wird die Akustik im Duisburger Theater falsch eingeschätzt. Knallig und vor allem sehr laut kommt’s da aus dem Orchestergraben herüber. Das macht es den Solisten nicht gerade leicht.

Liana Aleksanyan hat da Probleme. Erst vor einer Woche hat sie die Titelrolle von Sylvia Hamvasi, die erkrankt ist, übernommen. Aleksanyan singt technisch perfekt, legt ihre Rolle eher dramatisch-gravitätisch an. Das klingt ungeheuer sauber, es fehlen aber die Zwischentöne und so kommt Aleksanyans Butterfly nicht wie ein zarter Schmetterling daher. Das mag sich mit größerer Rollenvertrautheit in dieser Inszenierung und dynamischer Anpassung an die örtlichen dynamischen Verhältnisse geben. Auch Eduardo Aladrén vermag nicht immer über das Orchester hinweg zu singen. Sein Pinkerton ist mitunter eng geführt und kündet nicht recht vom savoir-vivre und laissez-faire seiner Rolle. Stefan Heidemanns Sharpless ist im besten Sinne routiniert. Er gestaltet seine Partie zwar ohne neue Akzente, fügt sich aber schauspielerisch perfekt in das Regiekonzept. Maria Kataeva als raumgreifend singende und ausstrahlende Suzuki dagegen setzt das sängerische Glanzstück - in tiefer Stimmlage ist da absolutes Mitleiden spürbar.

Am Ende stirbt Cio-Cio-San - natürlich. Rechi inszeniert ihren Tod stilisiert als Seppuku ganz traditioneller Art mit zeitlupenhaften Bewegungen. Eine Rückbesinnung auf traditionelle japanische Lebensweise, die sie doch eigentlich verlassen wollte?

Alles in allem: die Madama Butterfly der Deutschen Oper am Rhein ist gekennzeichnet durch ein Regie-Konzept, das sich nicht ganz rundet und durch Rollenportraits, die in ihrer Entwicklung sicher noch an Schärfe gewinnen werden. Ein „work in progress“ im besten Sinne, das vom Publikum mit viel Beifall honoriert wird.