Curtains im Theater Münster

Drastisch gestörte Applausordnung

Das ist doch allerfeinster Krimi-Stoff und Inspizientenalptraum zugleich: Während sich der Vorhang zum Schlussapplaus hebt, fällt die Hauptdarstellerin um. Mord auf offener Bühne. Und natürlich gibt es wie in jedem guten Krimi viele Wendungen und falsche Spuren bis der Täter feststeht. Curtains ist aber weder Roman noch Fernseh-Thriller, sonder die letzte gemeinsame Arbeit des Musical-Erfolgsduos John Kander und Fred Ebb (Cabaret).

Mausetot ist also die Diva. Claudia Hübschmann hat da naturgemäß nur einen winzigen, aber gelungenen Auftritt als textunsichere, falsch singende Egozentrikerin. Also kommt die Polizei ausgerechnet in Gestalt des theaterverrückten Lieutenant Cioffi. Der interniert das ganze Ensemble kurzer Hand im Theater, denn schließlich ist absolut jeder verdächtig. Während versucht wird, die gespielte Western-Revue vor dem drohenden Durchfallen zu retten, muss Cioffi das Rätsel um den Mord lösen. Das sorgt natürlich für Verwirrung. Vor allem weil sich auf und hinter der Bühne jede Menge undurchschaubare Typen herumtreiben, die scheinbar alle ein dunkles Geheimnis haben.

Frank-Peter Dettmann hat als fieser, erpresserischer Produzent alle in der Hand – einschließlich seines Geldgebers. Auch den Choreografen Bobby, den Sascha Stead gesanglich wie tänzerisch perfekt auf die Bühne bringt. Dann sind da Komponist Aron und Texterin Giorgia. Sie sind getrennt, können aber nicht von einander lassen. Ilja Harjes und Julia Gámez Martin heucheln Verachtung für einander, singen sich aber herrlich schmachtend an. Christian Bo Salle ist ein wunderbares Abziehbild des blasierten Regisseurs, dessen Welt sich allein um sich selbst dreht und der einen Prügelknaben braucht. Das ist in diesem Fall Inspizient Johnny. Christoph Rinke überzeugt – mit schwuler Attitüde – darstellerisch und gesanglich auf ganzer Linie.

Kiara Lillian Brunken (Bambi) will nur eines: erfolgreich sein am Broadway. Tanzen, Singen und akrobatische Elemente kann sie. Das reicht aber offensichtlich nicht aus. Ihre Mutter kritisiert sie gnadenlos. Und die ist immerhin die Co-Produzentin dieser Show. Suzanne McLeod gibt sie mit einem hinreißenden Song über das Geldverdienen im Show-Business. Am Ende entpuppt sie sich aber natürlich als treusorgende Mutter.

Und dann ist da Niki, die Zweitbesetzung. Sie kommt nicht zum Zuge, hat aber dennoch ein Herz voller Gold. Corinna Ellwanger kostet das Naive der Rolle zuckersüß aus. Klar, dass der hartgesottene Mordermittler sofort Feuer fängt. Boris Leisenheimer gibt den Cioffi samtweich, hart in der Sache und mit ganz wundervoller, kindlicher Liebe zum Theater. Ein ganz toll agierendes Ensemble ist da zu bewundern.

Bis zum mehrfachen Happy-End für glückliche Paare gibt es noch ein paar Leichen und einige Verwicklungen. Und der Mörder wird natürlich auch enttarnt.

Ulrich Peters und sein Team zaubern mit großem Aufwand alles auf die Bühne, was das Zuschauerherz begehrt: große Ensembles mit viel Action, kleine Szenen mit Liebesschwüren, Running Gags und Situationskomik – darunter eine „schwindelerregende“ Szene auf dem Schnürboden. Bernhard Niechotz simuliert durch seine Bauten Hinterbühnensituationen genau perfekt, wie er für die Show in der Show veritable Wildwest-Dekorationen entwirft. Annette Taubmann lässt das TanzTheater bewegungsreich über die Bühne wirbeln und Inna Batyuks Chormitglieder geben als Bühnentechniker und Theaterschneiderinnen ihr Bestes. Auch Thorsten Schmid-Kapfenburg und das Sinfonieorchester Münster fügen sich in ein sehr positives Gesamtbild ein. Das ist im besten Sinne routinierte, ganz toll abgestimmte Musicalunterhaltung.

Und doch zündet der Abend nicht recht, Curtains ist mit Sicherheit nicht das beste Werk seiner Autoren. Auf über drei Stunden streckt sich die Handlung, könnte gewiss einige Szenen weniger vertragen, ohne dass die Substanz gefährdet wäre. Auch der musikalische Gehalt ist eher begrenzt. Mehr als drei, vier einprägsame Melodien hat Kander nicht in das Stück hineingelegt. Die sind gewiss schön instrumentiert und auch geschickt variiert, tragen aber nicht einen ganzen, langen Abend. Oder, wie sagt der Lateiner: „bis repetita non placent“.

Das Publikum spendet allen Akteuren den großen, verdienten Applaus. Doch lässt es sich dieses Mal nicht von den Sitzen reißen von jenen recht heftig agierenden „Stimmungsmachern“, die jedem Theater von Herzen gegönnt sind – tragen sie doch immer zur besonderen Premieren-Atmosphäre bei.