Otello im Dortmund, Oper

Der Kampf der Alpha-Tiere

„Alternative Fakten“ heißt es seit Kurzem, wenn schlichtweg gelogen wird, um egoistische Interessen durchzuboxen. Macht gewinnen, indem vermeintliche Wahrheiten, die gar keine sind, in die Welt gesetzt werden – und dies so lange, bis sie sich in den Köpfen der Adressaten festgesetzt haben. Mit solchen „alternativen Fakten“ vergiftet auch Jago das Klima, wenn er seinem Chef Otello weiß machen will, Desdemona, seine Gattin, hätte was mit Cassio. Alles Fake – aber so hinterhältig und raffiniert formuliert, dass Otello ziemlich schnell von Misstrauen zerfressen wird. Am Ende wird Desdemona sein Opfer: Mord auf offener Bühne mit zahllosen Messerstichen! Blut fließt ausgiebig, wie häufiger in dieser Inszenierung.

Jens-Daniel Herzog erzählt die Geschichte ganz nüchtern – so nüchtern wie sich auch die Kulissen geben: ein Guckkasten, der sehr in die Breite, nicht sehr in die Höhe und die Tiefe geht. Glatte, weiße Wände, die das Auge des Betrachters anfangs ziemlich anstrengen; ein Raum, der sich durch mehrere verschiebbare Zwischenwände unterteilen lässt und auf diese Weise verschiedene Handlungen parallel in Szene zu setzen gestattet. Das ist clever ersonnen. Und es fließt Blut, viel Blut. Das kommt optisch gut in der weißen Szenerie, verdeutlicht aber auch, dass Unschuldslämmer und Zögerliche einen schlechten Stand haben in dieser Gesellschaft. Denn hier regieren Wölfe, wie die Jagdtrophäe über Otellos Stuhl deutlich macht. In diesem Fall sogar zwei Alpha-Tiere. Und eines muss weichen – Jago oder Otello.

Es ist wohl die optisch zwar sehr stimmige, akustisch dagegen äußerst problematische Guckkastenbühne, die den Klang der in und auf ihr agierenden Stimmen knallig werden lässt. Das geht, solange schön gesungen wird wie etwa von Emily Newton als Desdemona. Ihr „Weidenlied“ mit anschließendem Gebet zählt gewiss zu den Höhepunkten dieser Inszenierung. Lance Ryan als Otello dagegen kaum: wenn es zwischen Gesang und Geschrei eine Grenze gibt, pendelt Ryan ständig zwischen der einen und der anderen Seite dieser Grenze. Sangmin Lee als fieser Jago mobilisiert mit Noblesse alle Finsternisse seines Basses, verfehlt aber darstellerisch haarscharf das Hinterhältige seiner Rolle. Kleinere Partie, aber fein gesungen: Almerija Delic als Emilia! Auch ihre Kollegen Marc Horus (Cassio), Fritz Steinbacher (Rodrigo), Karl-Heinz Lehner (Ludovico) und Luke Stoker (Montano) agieren optimal.

Am Pult der Dortmunder Philharmoniker steht deren GMD Gabriel Feltz, der glutvoll musizieren lässt, dynamisch weit aufgefächert. Da gibt es nichts zu mäkeln! Meinte auch das Premierenpublikum und sparte nicht mit Applaus. Das Regieteam kassierte Buhs.