Die Antilope im Köln, Oper

Keine Tieroper à la „Schlaues Füchslein“

Es sei versucht, der Oper Die Antilope von Johannes Maria Staud (Musik) und Durs Grünbein (Text) und ihren auf sechs Bilder verteilten Vorgängen tieferen Sinn abzugewinnen.

Zu Beginn gibt es eine Betriebsfeier zu sehen, wo man sich auf Bürochínesisch miteinander verständigt und Identitäten beispielsweise so beschreibt: „Grüß Gott, ich bin hier die Unternehmenskultur“ (Kollege. Block 3). Eine oberflächliche, sinnentleerte, aber hochschäumende Party. Nur einer ist nicht so „locker“, wie es sich die Masse Mensch wünscht: Victor, ein Sensibelchen, wie es den Anschein hat. Er flieht das Getöse, drückt sich scheu an die Zimmerwände, ihm ist übel von der aggressiven Fröhlichkeit. Der Chef setzt zur Feierrede an, muss aber wegen Nasenbluten aufhören. Victor springt überraschenderweise ein, äußerst sich jedoch in einem Kauderwelsch, von den Autoren „Antilopisch“ genannt. Danach springt er aus dem Fenster.

Einen Sturz aus dem 13. Stock würde kein Mensch überleben, aber Victor rappelt sich unverletzt auf und streift nun durch die nächtliche Stadt. War er eben einer aufgeputschten Lärmerei entflohen, trifft er nun auf Menschen in Isolation und Not: ein gelangweiltes Liebespaar nach dem Liebesakt, ein Kreis in sich abgeschotteter Damen, eine Mutter, die ihr Söhnchen fremddeponiert, eine Frau, deren Katze überfahren wurde. Ein futuristisches Kunstgebilde, welches Victor zunächst abstößt, kommt ihm näher, spricht es doch sein „Antilopisch“. Wirklich heimisch wird er aber erst im Zoo, wo er sich in den eingesperrten Tieren gewissermaßen wiedererkennt. Hier vollführt der - nota bene wieder einmal überragende - Sängerdarsteller Miljenko Turk eine Selbstumarmung, die einzige Geste, welche in Dominique Menthas Inszenierung wirklich berührt. Der Regisseur bietet ansonsten eine großartige Chordynamik (1. Bild), aber auch viel leeres Stehtheater wie bei der Begegnung Victors mit dem Kunstwerk, welche ein wenig an die von Ödipus und der Sphinx erinnert.

Möglichkeiten zu emotionaler Annäherung werden nur spärlich gewährt, aber das ist wohl auch nicht beabsichtigt. Staud und sein Librettist siedeln ihre Oper „irgendwo zwischen Dada und dem frühen Beckett“ an, so eine Interviewaussage des Komponisten bei Gelegenheit der Werkuraufführung beim Lucerne Festival 2014. Absurdes Theater also. Damit muss jeder zurechtkommen, so gut er kann. Das gilt auch für die Musik. Sie ist fantasiereich erklügelt und hat Staud sicher einige schlaflose Nächte gekostet. In ihr steckt viel kühler Intellekt, welcher aber zunehmend anödet. Der Orchesterapparat ist groß (bei der Deutschen Erstaufführung spielen Gürzenich-Musiker), es gibt elektronische Zuspielungen. Immenser Aufwand also. Und der Ertrag? Wie schon in Luzern schlägt Howard Arman beherzt und präzise den Takt; mehr lässt sich nicht tun und als dirigentische Leistung auch nicht bewerten.

Selbstverständlich wird dieses weitgehend ungnädige Resümee dem anspruchsvollen Werk nicht gerecht, und die Autoren sind ja auch mit diversen Preisen ausgezeichnet worden. Doch was hilft’s? Die Antilope, sie lässt kalt, kälter, am kältesten.

Immerhin agieren in der nicht weiter auffallenden, aber probaten Ausstattung eine Reihe exzellenter Sänger. Miljenko Turk wurde bereits erwähnt. Der furchtlose kroatische Bariton hat auch als Wolfgang Rihms Lenz und in seiner Eroberung von Mexiko seine enorme vokale und darstellerische Präsenz bewiesen. Erinnert sei auch an seinen (Einspringer-)Hamlet in der Uraufführung von Benes’ The Players 2002. In diversen Rollen koloraturt Emily Hindrichs geradezu aberwitzig, liefern Claudia Rohrbach und Martin Koch besonders prägnante Rollenporträts. Weiterhin: Dalia Schaechter, Michael Mrosek, Lucas Singer und Constanze Meijer sowie der ausgezeichnete Chor der Kölner Oper.

Die Aufführung währt nur anderthalb (pausenlose) Stunden. Aber auch diese werden einem recht lang.