Pulcinella im Wuppertal, Theater

Entspannt und relevant

So viel Edukation war noch nie an den Bühnen - in Deutschland nicht, in NRW erst recht nicht. Man kann fast ein Endzeitgefühl bekommen, wenn man beobachtet, wie verzweifelt die Theater auf der Suche nach dem Publikum von heute, morgen und übermorgen unterwegs zu sein scheinen. Es soll gelernt werden, Schulen gehören mit ins Boot, pädagogisch wertvoll soll es sein und inhaltlich nachvollziehbar. Diese Spielplantendenz trifft sich häufig mit einem zweiten Trend, dem partizipativen Projekt. Hier treten Laien jeden Alters an Stelle der Schauspieler. Irgendein Dramaturgenhirn hat zur Rechtfertigung dieser Entwicklung sogar das sehr beliebte „Experten des Alltags“ erfunden. Das Theater sucht die Authentizität außerhalb seiner systemgegebenen Möglichkeiten. Das geht Zuschauern und Beobachter häufig gehörig auf die Nerven, weil es oft viel zu gut gemeint ist, genauso oft viel zu brav daherkommt und in der Regel sein Nicht-Fachpersonal grausam überfordert. Aber es treibt auch fantastische Blüten, auf die man nicht verzichten mag, wie den außergewöhnlichen Sommernachtstraum in Düsseldorf oder eben jetzt Pulcinella in Wuppertal.

Über 140 Kinder aus einer Haupt- und drei Grundschulen haben Kostümelemente und ein höchst ungewöhnliches Video mitentworfen, musizieren mit allen möglichen Percussionsinstrumenten und bewegen sich in bunten T-Shirts oder Ganzkörperweiß über die Bühne. Wenn das berühmte Wort vom „kreativen Chaos“ jemals am Platz war, dann hier. Man sieht ihnen diese Stunde lang wahnsinnig gerne zu. Was sie tun, tun sie mit Freude und dem berühmten heißen Herzen. Der Zuschauer, der die Handlung von Strawinskys 40minütigem Ballett nicht kennt, ist darauf angewiesen, seine Blicke schweifen zu lassen, seinen Ohren zu vertrauen und Momente auszukosten. Denn eine Geschichte erzählt diese Aufführung nicht. Vielmehr haben die Kinder - unter Anleitung der Wuppertaler Musikerin Gunda Gottschalk, einiger Mitglieder des Sinfonieorchesters, zweier Tänzer aus der Pina-Bausch-Truppe und einiger in Wuppertal ansässiger Künstler verschiedener Sparten – sich kleinste Handlungspartikel oder Strukturelemente herausgebrochen und diese mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Vorstellung vom Genre „Oper“ zusammengebracht. Da gibt es kleine Solonummern, einige Etuden zum Thema Starkult, einen mitreißenden Pas de Deux zweier von Laubbläsern gesteuerten Plastikfolien und einen sehr ernsthaften, überraschend reifen Komplex zum Thema Tod. Und mittendrin regen die drei hervorragenden Ensemblesänger Catriona Morrison, Mark Bowman-Hester und Oliver Picker, gewandet in fantastisch überhöhte Fortschreibungen von Commedia dell’arte – Kostümen den Verkehr, animieren, fühlen mit und singen eindringlich und mühelos. Auch das Sinfonieorchester Wuppertal hat hörbar Spaß an der Angelegenheit. Ach, könnte Theater immer so fröhlich, entspannt und relevant sein!

Berthold Schneider, seit diesem Jahr Opernintendant in Wuppertal und Produktionsdramaturg von Pulcinella, setzt, nach Three Tales von Steve Reich und dem fulminanten Auftakt der Sound oft the City-Veranstaltungsreihe, das dritte Ausrufezeichen für sein allenfalls bedingt narrativen Strunkturen verpflichtetes, in die Stadt drängendes und mit dieser sich verbünden wollendes Musiktheater.