Le Marchand de Venise im Bielefeld, Stadttheater

Launige Komödie

Lieder und Kammermusik Reynaldo Hahns (1874-1947) mögen ja einem fachkundigen Publikum noch bekannt sein. Die Bühnenwerke des Franzosen venezolanisch-deutscher Abstammung sind außerhalb der Grande Nation weitgehend unbekannt. Und auch dort stehen allenfalls seine Operetten auf den Spielplänen. Über seine Opern indes hat sich der Schleier des Vergessens gelegt.

Nun wagt sich das Theater Bielefeld an die Deutsche Erstaufführung von Hahns Vertonung des Kaufmanns von Venedig, der bereits im Jahr 1935 uraufgeführt wurde – also nach 82 Jahren das erste Mal auf einer deutschen Bühne zu sehen ist. Deutlich ist Hahns Komposition und dem Libretto von Miguel Zamacoïs die Schwerpunktsetzung auf den komödienhaften Anteil von Shakespeares Kaufmann anzumerken. Die Tragödie des ewigen Außenseiters, des jüdischen Geldverleihers Shylock ist eher beiherspielendes Moment. Und so gehen auch die beiden großen Arien Shylocks unter, in denen er seine ganze Seelenqual ausbreitet, die Gewissheit nie als vollwertiger Bürger Venedigs anerkannt zu werden, nur ausgenutzt, niemals anerkannt. Da gelingt Hahn wirklich ergreifende Musik und eine tiefe Charakterauslotung des „ewigen Juden“. So ergreifend vielleicht auch deshalb, weil Hahn als Homosexueller, der sich nie „outen“ durfte, wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Doch in diesem Kaufmann von Venedig dominieren Ränkespiel und Tricksereien, die zum guten Schluss drei Liebespaare ins wohlverdiente Happy-End führen. Hahn stattet das muntere Geschehen mit hübschen operettenhaften Arien, Duetten und Ensembles aus - ein ganzer Strauß toll arrangierter, abwechslungsreicher Melodien.

Regisseur Klaus Hemmerle lässt sich lustvoll auf die Komödie ein, inszeniert zu Beginn eine „Reise nach Jerusalem“, in der die Darsteller um ihre Rollen wetteifern. Dann geht es - stets eindrucks- und stilvoll beglaubigt durch Yvonne Forsters Kostüme – mitten hinein in einen barocken Karneval in Venedig. Dem schließt sich ein Akt an, der in der Entstehungszeit der Oper spielt. Letztlich führt uns Hemmerle in ein Börsenparkett der Jetztzeit. Das ist logisch, denn schon bei Shakespeares Kaufmann von Venedig geht es auch um die Macht des Geldes.

Es gibt optisch überhaupt eine Menge zu sehen. Hemmerle erschafft für Hagen Enkes Chor, der sich darstellerisch wie stimmlich als bestens disponiert erweist, schöne Travestieauftritte. Dirk Kazmierczak setzt sie choreografisch augenzwinkernd und komisch in Szene. Dennoch können alle Finessen nicht über deutliche Längen im Handlungsverlauf hinwegtäuschen.

Voll punkten kann das Theater Bielefeld indessen musikalisch. Gesungen wird wirklich auf sehr hohem Niveau.Die Bielefelder „Grande Dame“, Melanie Kreuter, ist die Maske, die in Venedigs Karnevalstreiben führt. Als Gast interpretiert Bjørn Waag den Shylock tief empfunden, bisweilen etwas fahl. Sarah Kuffner kann wirklich alles. Ihre Portia kommt höhensicher daher und mit schöner Tiefe. Ihr sekundiert Nohad Becker als Nérissa, ein warmer Mezzo mit fließenden Registerwechseln. Nienke Otten (Jessica) entfaltet Soubrettenkunst im besten Sinne, kommt wunderbar flüssig daher.

Bassanio ist Frank Dolphin Wong. Er singt gewohnt verlässlich, ausdrucksstark und ist darstellerisch einfach immer intensiv. Das gilt auch für den rollengerecht gravitätischen Antonio Moon Soo Parks. Aufhorchen lässt Lianghua Gong als Lorenzo mit hellem, strahlendem Tenor. Einen weiteren Gast gibt es zu würdigen: Mark Adler unterstreicht als Gratiano das musikalisch hohe Niveau dieser Produktion. Das tun auch Caio Monteiro und Yoshiaki Kimura, denen in diesem Fall Sekundantenrollen zufallen. Kapellmeister Pawel Poplawski weiß die knallige Akustik des Theaters Bielefeld bestens einzuschätzen und bringt Hahns Melodien butterweich zum Klingen – ein netter Theaterabend für den lauen Frühling, wenn auch etwas lang.