Der fliegende Holländer im Theater Hagen

Plitsch-platsch

Dem Theater Hagen steht sozusagen das Wasser bis zum Hals. So kann man die Ausstattung von Peer Palmowski für Wagners Holländer, eine total überflutete Bühne, als Symbolbild ansehen. Alle Sänger sind am Schluss klitschenass. Beim Schlussapplaus schützt sich Senta mit einem Frotteetuch auf dem Kopf gegen die Gefahr einer Erkältung, endet sie doch als Wasserleiche. Auch Dirigent Mihhail Gerts, Chorchef Wolfgang Müller-Salow und das szenische Produktionsteam müssen mit weißen Stiefeln durch die Fluten stapfen.

Die regieführenden Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship (erstere mit Freischütz bereits 2010 in Hagen vorstellig) betrachten die Bühne als „psychologischen Spielraum“; die Konzeptbeschreibung ihrer Inszenierung wirkt allerdings einigermaßen überpsychologisiert. Manche Interpretationsansätze haben Einiges für sich. Zitiert sei aus dem Programmheft der wohl plausibelste Gedanke: „Der Holländer, das Fremde, der Schatten, ist gefürchtet und gleichzeitig unendlich begehrenswert. (Er) ist das innerste Fürchten und Sehnen der Gemeinschaft.“ Ansonsten eher abgehobene Deutungen. In der Aufführung finden sich zudem kaum Szenen, in denen sie zu wirksamem Bühnenleben erweckt werden. Gleich zu Beginn dünkt man sich bei Humperdincks Hänsel und Gretel gelandet: „Sieh nur artigen Kinderlein. Wo mögen die hergekommen sein?“ Kids plantschen während der Ouvertüre nämlich im Wasser herum. Unumwundenes Eingeständnis, hinter den tieferen Sinn dieses gewiss bedeutungsvollen Bildes nicht gekommen zu sein.

So sei lieber auf die musikalische Akzentsetzung eingegangen, wie von Mihhail Gerts bei den ersten Takten sogleich mit Sturmesgewalt realisiert. Die Ouvertüre beginnt er schneidend wie mit einem Flammenschwert; auch später romantische Konvulsionen. Das Philharmonische Orchester Hagen folgt ihm mit einer Spielqualität wie schon lange nicht mehr erlebt. Auf dem ersten Rang wirkt der Klang fraglos unmittelbarer als im Parkett, wo sich üblicherweise der Platz des Rezensenten befindet. Das mag ein dramatisches „Plus“ bewirken. Aber an diesem Ort hört man auch spielerische Defizite deutlicher, derer es am Premierenabend durchaus einige gab, die aber vor der überrumpelnden Gesamtwirkung verblassten. Der Beifall für den Dirigenten hätte gerechterweise Ovationsstärke annehmen müssen.

Zurück zur Inszenierung. Wo gibt es Überzeugendes? Vielleicht bei der Senta-Ballade, wo einige Choristinnen sich in somnambulen Verzückungen ergehen (freilich bereits in der ersten Strophe, was eindeutig zu früh ist). Dass der Holländer bei seiner Begegnung mit Senta aus den mit Nebelschwaden bedeckten Fluten auftaucht, bewahrt die Szene vor simplem Realismus. Eriks Auftritt zeigt eine zärtliche Bindung an Senta, die auch von ihrer Seite aus deutlich wird. Dieser Akzent führt freilich in die Irre. Dalands Tochter ist ja schon längst dem Fremden (Holländer) verfallen, wenn auch zunächst nur seinem Bild, in welchem sich all ihre außenseiterischen Begehrlichkeiten konzentrieren.

Im dritten. Akt brennt ein riesiges Feuer inmitten des Wassers, offenkundig eine Kopie des Steilneset Memorial, Gedenkstätte für die Hexenverbrennungen in der Finmark im 17. Jahrhundert. Aber auch dieses Bild (dessen Bedeutung man keineswegs auf Anhieb erkennen muss) verliert sich im Abseits. Und schlussendlich ist zu fragen, warum das fraglos deutungsgewichtige Element des Wassers (neben allen möglichen Dämpfen) unbedingt real gezeigt werden muss. Projektionen hätten das intendiert Irreale gleichwertig und wahrscheinlich sogar stimmiger visualisiert. Personenregie ansonsten: so la-la. In der Premiere schwache, aber doch deutliche Bekundungen von Ablehnung.

Bei den Sängern entlud sich der stärkste Beifall auf Mirko Roschkowski. Der Gast-Erik demonstriert in der Tat bestes Belcanto mit dramatischer Emphase, wie es seine Partie erfordert. Sein Tenorkollege aus dem Ensemble, dessen Name besser nicht genannt sei, belastet die Rolle des Steuermanns mit qualvoll verquetschten Vibratotönen. Rena Kleifeld gibt eine mezzosatte Mary, Rainer Zaun einen schlitzohrigen Daland mit manchmal reichlich plakativem Gesang. Eine wirklich große Holländer-Aura mag Joachim Goltz fehlen. Dass aber das Wagner-Fach zu seinem festen Repertoire gehört, macht die intensive Darstellung deutlich. Nicht ohne Anstrengung bewältigt Veronika Haller die Senta, aber das mädchenhafte Flair ihrer Gestaltung nimmt sehr für sie ein.

Man spielt die pausenlose „Holländer“-Version ohne die „Erlösungs“-Passagen.