Das Rheingold im Duesseldorf Oper

Der Anfang vom Ende

Cluedo ist ein Spiele-Klassiker, der bis heute viele Fans hat. Wer’s nicht kennt: anhand von Indizien muss ein Mordfall aufgeklärt werden. Dabei gibt es insgesamt 324 verschiedene Lösungsmöglichkeiten.

Zwar geht es in Wagners Ring nicht in erster Linie um Morde (obwohl ja doch der eine oder andere passiert), aber so ein wenig wie ein Cluedo-Spieler kommt man sich schon vor, sitzt man im Opernhaus Düsseldorf und verfolgt Dietrich Hilsdorfs Ring-Vorabend Das Rheingold. Denn der Meister denkt gar nicht daran zu verraten, wohin seine Reise bis zur Götterdämmerung führen wird. Stattdessen legt er viele Fährten, deutet Möglichkeiten an und schafft sich Optionen. Wer Hilsdorfs Arbeiten kennt, weiß ob seines Faibles für das Operieren an der lebenden Produktion. Und da bietet der Ring (Hilsdorfs erster, den er ganz allein inszeniert!) die allerbesten Voraussetzungen.

Aber natürlich bleibt nicht alles im Unklaren. Dafür sorgt schon Dieter Richters Bühne, die, wie so oft, den ganzen Raum nutzt und beherrscht: wir befinden uns am Ende des 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das unterstreichen auch Renate Schmitzers Kostüme. Lediglich Wotan und Alberich werden gewandmäßig eher zeitlos angelegt. Der Rahmen ist also gesetzt, aber sonst erhebt Hilsdorf das Ungefähre zur Maxime seines Rheingolds.

Nicht, dass irgendetwas verschwommen, verwässert oder unscharf wäre. Nein, hier geht es eher handfest zu. Die Rheintöchter bandeln mit Alberich an und sind offensichtlich einem Amüsierbetrieb entsprungen. Mit sexy Korsagen sind sie Schwestern von Emmerich Kálmáns „Mädis vom Chantant“ aus der Csárdásfürstin.

Im Gegensatz dazu die Welt Nibelheims. Schwer arbeitende Menschen schieben schwarzes Gold in Kohlenloren über die Bühne. Geknechtete Kreaturen, die schon mal an der heilen Welt ihrer Peiniger klopfen, indem sie die feinen Mahagoni-Wandvertäfelungen ohne Federnlesens zerstören. Hilsdorf denkt seinen Ring also offensichtlich auch regional, verortet im „Ruhrpott“. Wagners „allumfassendes Gesamtkunstwerk“ spielt sich vor unserer Haustür ab, in einer Gegend, die jahrzehntelang von Schwerindustrie geprägt wurde.

Am Ende ziehen die Götter in Walhall ein, ihrem Refugium, erkauft mit Intrigen und Mord. In Düsseldorf ist Walhall nichts anderes als - der Theaterraum.

Alles Kombinieren wie bei Cludeo hat nichts genutzt. Und doch ist man zum Bersten gespannt auf den Fortgang dieses Rings. Gibt es knallharte Klassenauseinandersetzungen, psychologische Figurenstudien oder gar eine Diskussion über die Funktion von Kunst? Was auch immer passieren wird: verlassen kann man sich auf Hilsdorfs phänomenales Vermögen, alle Figuren bis ins Letzte zu arbeiten und stets ein völlig durchdachtes Bühnengeschehen zu präsentieren. Deshalb werden wir alle wieder zur Walküre pilgern.

Musikalisch erweist sich das Ensemble der Rheinoper durchweg als Glücksfall für Das Rheingold. Torben Jürgens, Ovidiu Purcel und Sylvia Hamvasi sind verlässliche Bestandteile der Götterfamilie. Renée Morloc könnte als Fricka ihrem Gatten vielleicht noch mit etwas mehr Beharrlichkeit auf die Nerven gehen. Susan Maclean besitzt für die Erda mittlerweile ein genügendes Maß an abgründiger, geheimnisvoller Tiefe. Ganz hervorragend die Rheintöchter: Anke Krabbe, Maria Kataeva und Ramona Zaharia sind solistisch endlich mal gestandene Verführerinnen und keine körperlosen Wesen. Und ihre Stimmen mischen sich vortrefflich. Die geschundene Kreatur des Alberich bringt Michael Kraus hervorragend zu Geltung. Norbert Ernst als Loge und Cornel Frey als Mime fehlt es etwas an durchtriebener Boshaftigkeit. Sie nutzen die Chance zur Schärfung ihrer Charaktere nur bedingt. Simon Neal ist ein kraftstrotzender Wotan. Auch wenn mancher Ton sich nicht ganz runden will, spürt man immer die Souveränität, mit der Neal seine Partie beherrscht.

Wagner-Gesang in Perfektion zeigt aber vor allem Bogdan Talos als Riese Fasolt. Warm, volltönend und mit unfehlbarer Intonation gibt er seine Seele preis – ist hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen nach Gold und seiner Liebe zu Freia. Besser geht es kaum. Und seine Stimme bietet den optimalen Gegensatz zur Thorsten Grümbels kühl rechnendem Fafner.

Zulegen müssen deutlich die Düsseldorfer Symphoniker unter Axel Kober. Was da aus dem Graben tönt, kann man vom Vorspiel bis zum Schluss allenfalls als indifferent bezeichnen. Eine entschiedene Deutung ist nicht zu erkennen und nicht nur rhythmisch hapert es. Ein „work in progress“ also auch im Graben.

Dietrich Hilsdorf ist mit dem Rheingold ein anspielungsreicher „Teaser“ für den Ring gelungen, er hat große Erwartungen geweckt und deshalb werden alle wiederkommen – bis auf diejenigen vielleicht, die einstudiert-unmotivierte Buhrufe zum Besten geben. Und die sollten wirklich besser daheim bleiben.