Titus im Essen, Aalto-Theater

Anschlag am Airport

Alltagsbetrieb auf einem Flughafen: hier trifft sich ein Kegelclub wahrscheinlich zur Abreise in ein feuchtfröhliches Wochenende auf Mallorca, dort hat sich ein müder Passagier auf den Sitzreihen ausgestreckt und hält ein Nickerchen. In der Lounge vertreibt man sich beim Kaffee die Zeit. Thorsten Macht schafft eine quasi realistische Umgebung für Mozarts Titus – inklusive Blick von der Aussichtsplattform auf ein geschäftiges Rollfeld, das uns Eins-zu-Eins auf die Bühnenrückwand projiziert wird. Und so begegnen wir den Protagonisten der letzten Oper Mozarts, die Regina Weilhart fein abgestuft kostümiert: Titus mit wallendem Herrschermantel, Sextus und Servilia im klassischen Business-Outfit, Publio im typisch auffällig-unauffälligen Bodyguard-Dress, während Vitellias enge Kostüme farblich, wie vom Schnitt her, einen Schlenker ins Vulgäre machen. Annio trägt einen breitkrempigen Hut, hinter dem sich ein Mafioso verbergen könnte.

Optisch also ein sehr interessantes Szenario, dass Regisseur Frédéric Buhr entwirft, um Mozarts La Clemenza di Tito zu animieren. Das ist auch notwendig, denn die Verherrlichung von Herrschertugenden wirkt doch heute eher fremd und höchstens als Geschichtslektion noch interessant. Und Buhr gelingt es leider auch nur in Ansätzen, Mozarts Personal in der Gegenwart ankommen zu lassen. Die in den teils wunderschönen Arien ausgebreiteten Gefühlswelten erreichen das Publikum nicht wirklich, weil im betriebsamen Flughafen die Handlung sich auch nur zäh entfaltet und Titus und Co. Bühnenfiguren bleiben, menschliche Züge nicht wirklich annehmen.

Musikalisch gelingt in Essen dagegen eine äußerst ansprechende Gestaltung des Titus. Tomáš Netopil und die Essener Philharmoniker sind hellwach, spielen mit klarer Linienführung, durchaus flott, aber nirgends über ein Detail hinweggehend – eine sehr erfrischende, mit starken Emotionen aufwartende Lesart, die nirgends Langeweile aufkommen lässt. Dafür sorgen auch die Protagonisten: Baurzhan Anderzhanov ist der Kaiserberater Publio. Sein Bass trägt seine kommentierenden Worte wohlgrundiert ins Publikum. Auf Christina Clark ist eigentlich immer Verlass. Schon oft hat sie ihre Affinität zur Barockoper durchscheinen lassen. Und formal ist Mozarts Titus ja auch nichts anderes. Clark singt die Servilia jedenfalls bombensicher und koloraturfest. Genauso kann man die Gestaltung des Annio durch Liliana de Sousa charakterisieren, deren Mezzo durch alle Lagen wunderbar ebenmäßig ist.

Dmitry Ivanchey in der Titelrolle verfügt über einen hellen, biegsamen Tenor, der mühelos alle Klippen der Partie bewältigt. Lediglich ein Schuss Individualität, Unverwechselbarkeit fehlt sängerisch wie darstellerisch zum perfekten Tito. Bettina Ranch als Sesto ist an diesem Abend sicher prima inter pares. Sie schafft es auch ohne Unterstützung der Regie, die Seelenqualen des Verräterfreundes mit stimmlicher Wandlungsfähigkeit zu transportieren. Dazu ist auch Jessica Muirhead als Vitellia durchaus in der Lage. Ihr mangelt es nicht an Expressivität, aber ihre Stimme ist fast schon zu groß für eine „Quasi-Barockoper“. Außerdem erreicht sie die tiefen Lagen in der großen „Non piu di fiori“-Arie nur mit Mühe.

Insgesamt: Ein Titus mit musikalisch sehr zufriedenstellendem Ergebnis, dessen szenische Umsetzung jedoch oft in guten Ansätzen stecken bleibt.