Ingolf #6 geht auf die Bühne im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Frischer Wind über lange Zeit?

Die Oper, die es nie geben wird, endet mit ihrer Ouverture. Und das ist vielleicht sogar ein wenig mehr als ein charmanter Witz. Mit einem Wandelkonzert auf der Bühne des Musiktheaters im Revier ging Ingolf offiziell zu Ende, das erste, vom Fonds Experimentelles Musiktheater (feXm) , hier in Partnerschaft mit dem MiR, geförderte und ermöglichte Langzeitprojekt. Über zwei Jahre hatten Daniel Kötter und Hannes Seidl Zeit, sich an den Stadttheaterstrukturen abzuarbeiten, diese zu infiltrieren und für ihre Kunst produktiv zu machen.

Mittelpunkt oder zumindest Auslöser ihres Projekts ist Ingolf Haedicke, ehemaliger Leiter der Phonothek der Berliner Humboldt-Uni, davor Mitarbeiter des DDR-Rundfunks und Bewohner einer denkbar kleinen Wohnung, die einzig seinen akustischen Tüfteleien zu dienen scheint. Im Mai letzten Jahres zeigten Seidl und Kötter einen Dokumentarfilm über Ingolfs Alltag – mit live performter Filmmusik. Der Film lebte von der Diskrepanz zwischen dem intellektuellen Zugang der Initiatoren und Ingolfs einfachen, klaren und apodiktischen Äußerungen zum Thema. Seine ideale Oper sollte eine Märchen- und Zaubershow sein, möglichst Open-Air, mit einer Musik, die vielleicht Sirenengesänge nachempfindet und wo – unbedingt – jeder kommen kann, wann und wie er will. Ingolf nahm ein durch die Einfachheit und Intensität, mit der er Dinge tut, mit der er lebt. Ingolf #1 war – ein Wurf.

Teil Zwei im Herbst fand in den Eingeweiden des Opernhauses statt. Man sah Bühnenhandwerkern zu, wie sie Ingolfs Wohnung nachbauten und wurde mit ihrem Alltag konfrontiert. Zwiebeln schälen andersherum, sozusagen. Teil Drei war eine Begehung dieser im Originalmaßstab nachgebauten Mini-Wohnung. Man sah, erlebte und dabei wurde einem zugesehen. Der Zuschaueralltag kam ins Spiel. Noch mehr Schale. Dann zog Ingolf aus, in ein ehemaliges Schuhgeschäft in der Gelsenkirchener Fußgängerzone. Hier wurde seine Wohnung auf 200 Quadratmeter ausgedehnt und sollte eine Woche lang Stätte der Begegnung sein, mit kleinen Performances und Suppe um 6. Und dann eben der Schluss, Ingolf#6 im Opernhaus.

Greise, angenehm lebendige Scouts in jugendlichen T-Shirts führen dich auf die Bühne, wo Orchestermusiker und Choristen, koordiniert von dem großartigen Bernhard Stengel, in Dreier- und Vierergruppen angeordnet sind. Hinten außen sitzen die Sopranistin Judith Caspari, die auch ein Theremin, eins von Ingolfs Lieblingsinstrumenten, bedient und Askan Geisler am Keyboard. Jeder Zuschauer bekommt einen kleinen Hocker mit, falls die Beine ermüden, und wird aufgefordert, sich zwischen den Klanggruppen zu bewegen. Links steht noch einmal, leicht erhöht, Ingolfs originalgroße Wohnung. Und hinten gibt es einen Imbissstand, der kostenfrei auf Wunsch Wasser, Bier und Currywurst austeilt. Die Musik bewegt sich in langsamen kompakten Klängen in monotonstem Rhythmus. Man hört gleichsam fossile Noten in Zeitlupe, Minimal Music im Bernsteinmedaillon. Lebendig wird diese Musik einzig durch die eigene Bewegung. Denn dann verändert sie sich, weil ein Horn ganz anders klingt als ein Fagott und sogar eine Violine komplett anders als eine Bratsche. Und weil eben jeder Sänger seine eigene, unverwechselbare Stimme hat.

Man steht auf der Bühne eines Musiktheaters wie im Bauch eines Schiffes. Beim Heizer. Du hörst wie Klänge entstehen, die Grundlagen sein können oder werden für musikalische Erzählungen. Fünf Minuten vor dem Ende der Musik ereignet sich Gewaltiges. Wände fahren hoch. Man sieht in den erleuchteten Zuschauerraum und auf die Hinterbühne. Jetzt ist Ingolf wirklich im Theater und wir erleben es. Die Führung durch das berühmte „Kraftwerk der Gefühle“ ist beendet.

Orchester und Chor machen ihre Sache übrigens wunderbar, obwohl dem Vernehmen nach zumindest nicht alle beteiligten Musiker mit Enthusiasmus an das Projekt gegangen sind. So scheint ein Ziel des ungewöhnlichen Projekts zumindest ansatzweise erreicht. Die freien Künstler brechen als frische Kraft in den Betrieb ein, setzen neue Impulse, brechen Verkrustungen auf, beugen diesen vor. Und der Film am Anfang, das Konzert am Ende waren wunderbare Vorstellungen. Und aus dem am MiR erarbeiteten Material sind anders zusammengestellte, hoch interessante und erfolgreiche Abende entstanden, am Mousonturm in Frankfurt und in den Berliner Sophiensaelen.

Und doch muss die Frage erlaubt sein, warum dieses Konzert nur einmal stattfindet, warum nur etwa 70 Zuschauer an diesem so innovativen wie außergewöhnlichen Event teilnahmen. Ob das Theater seinen Ingolf nicht stärker hätten promoten können. Ob Kötter und Seidl vielleicht doch etwas hätten entwickeln können, dessen Stringenz, die hat das Projekt zweifelsfrei, sich über weniger Meta-Ebenen erschließt. Und dann hätte ich persönlich doch noch gerne etwas erlebt, was Ingolfs Vorstellungen von Oper an sich nachgeht, sie weiterspinnt, vielleicht auch parodistisch aufmotzt – und das mit der großen musikalischen und medialen Innovationskraft, die Daniel Kötter und Hannes Seidl besitzen.

Aber das ist, wie gesagt, persönlich. Es bleibt die Erinnerung an etwas Neues, der Wunsch, dass die beteiligten Menschen und Institutionen sich nochmal zusammensetzen und prüfen, was an Idee, Format und Ergebnis bewahrenswert und weiter entwickelbar ist. Und das sich die Kunststiftung NRW wieder an das Kultursekretariat annähert, damit der feXm weiter Wagnisse eingehen und die Musiktheaterlandschaft unseres Bundeslandes mit frischen Ideen speisen, ihr Lebenskraft zuführen kann. Nötig ist das in jedem Fall.