Der fliegende Holländer im Detmold, Landestheater

Traum und Wirklichkeit

Senta träumt. Sie träumt vom starken Mann, der sie herausreißt aus ihrem tristen Alltag der 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und wo lassen sich Träume am besten ausleben? Im Kino! Deshalb geht Senta oft, ja sehr oft dorthin und schaut sich immer wieder den Film „Fluch der Meere“ an. Denn dort taucht er auf, der wilde Outlaw ihrer Fantasien. Und deshalb sitzt sie Woche für Woche im abgehalfterten Kinofoyer, das Petra Mollérus auf die Bühne des Landestheaters Detmold gestellt hat und wartet auf die magischen Momente im Kino 1, die ihre Träume immer wieder nähren.

Detmolds Intendant Kay Metzger nähert sich Wagners Fliegendem Holländer, wie er es schon bei seinen grandiosen Meistersingern von Nürnberg getan hat: mit einem intensiven Blick auf deutsche Wirklichkeit, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs durch Konsum und betuliches Familienidyll zu vergessen suchte statt sich mit ihr auseinander zu setzen.

Senta träumt also und trinkt Kaffee im Kino. Gerade hatte sie sich noch gegen einen Chor von strickenden Damen zur Wehr gesetzt, die ihr fast schon körperlich bedrohlich häusliche Handarbeiten aufzwingen wollen – da liegt ihr plötzlich der Held ihrer Träume vor den Füßen. Er ist herausgefallen aus dem Filmplakat. Und jetzt beginnt Sentas Traum vom Ausbruch aus dem Alltag. Wird er Früchte tragen? Geht es jetzt auf zu neuen Ufern? Mitnichten!

Kaum ist der Typ da, den sie ersehnt hat, beginnt sie, ihn ihrer Lebenswirklichkeit anzupassen, steckt ihn in eine bequeme Strickjacke. Und dann spielt sie mit ihrem Vater Daland und ihrem Bräutigam seelenruhig „Mensch-ärgere-dich-nicht“, während der Chor dräuend unheilvoll vom Eindringen irgend etwas Fremdartigen kündet. Und damit sind wir eindeutig wieder in der Gegenwart gelandet.

Metzger inszeniert konsequent und vorwärts drängend. Das ist eine seiner Stärken, auch wenn  beim Holländer einige Figuren, wie Sentas Vater, eher nicht ausgedeutet werden. Überraschend Metzgers Schluss: der Holländer zieht einen Revolver, will sich umbringen, nachdem er erkennt, dass Senta eigentlich Erik versprochen war. Senta bringt die Waffe in ihre Gewalt: sie will einen gemeinsamen Tod - ihren und den des Holländers. Dann wird für Sekunden die Bühne dunkel. Als sie wieder im Licht erstrahlt, steht Senta in ihrer letzten Pose dort, aber ohne den Revolver – und ohne den Holländer. Weil es ihn real nie gegeben hat! Alles nur ein Traum. Ein Traum, der in ihr fortlebt, denn ganz zum Schluss läuft eine uralte Senta immer noch ins Kino in den „Fluch der Meere“. Wehmut macht sich breit ob vertaner Chancen.

Musikalisch glänzt das Landestheater. Die Symphoniker baden unter Lutz Rademacher in düster-schwelgerisch romantischer Klangfülle und Marbod Kaisers Chor nutzt den breiten Raum, den Wagner ihm bietet, sängerisch und darstellerisch auf das Beste.

Lotte Kortenhaus (Mary) und vor allem Stephen Chambers (Steuermann) präsentieren ihre makellos intakten Stimmen, Ewandro Stenzowski einen manchmal etwas engen, aber intonationsmäßig punktgenauen Erik. Christoph Stephingers geldgieriger Daland ist eher rustikal und mit stellenweise leicht „schmutzigen“ Tönen ausgeführt, was seiner Rolle nicht unbedingt schadet. Derrick Ballard ist zweifellos ein Holländer zum Verlieben: kernig und geradeaus setzt er seine Stimme ein, die nirgends angestrengt wirkt. Susanne Serflings Senta glänzt durch ungeheure Sensibilität in der Klanggestaltung. Das Publikum reagiert mit kräftigem Applaus.

Kay Metzger verlässt Detmold mit Ablauf dieser eben erst begonnenen Spielzeit und wechselt als Intendant an das Theater Ulm. Seine beachtlichen Verdienste während seiner zwölfjährigen Zeit als Detmolder Intendant werden sicher vielfach gewürdigt werden. Mir aber sei an dieser Stelle ein persönlicher Satz gestattet. Ich habe zwar längst nicht alle seiner Arbeiten in Detmold gesehen, aber viele mit Anerkennung, Respekt und Begeisterung. Haften bleibt für mich vor allem Verdis Macbeth. Der war ungeheuer intensiv und ebenso schnörkel- wie kompromisslos.