Tannhäuser im Köln, Oper

Kreuz und quer

Im Zentrum von Patrick Kinmonths Tannhäuser-Deutung - vermutlich sollte man eher von Bebilderung sprechen - steht eindeutig die Figur der Elisabeth. Während der Ouvertüre sehen wir sie, gekleidet wie ein heutiger Teenager, etwas trinken, was ihr Schmerzen bereitet. Gift? Drogen? Begeht sie Selbstmord? Fantasiert sie sich das nachfolgende Bühnengeschehen als Fieber- und/oder Todesfantasie herbei? Dafür spricht, dass im dritten Akt, wie es auch im ‚Drehbuch‘ steht, ihr Sarg über die Bühne getragen wird, mit einer Puppe darin. Sie selber vereinigt sich dann mit dem gleichfalls eigentlich toten Tannhäuser vor ihrer eigenen brennenden Totenbahre. In den drei Stunden dazwischen ereignet sich allerdings nichts, was diese Interpretation stützen könnte. Es ereignet sich überhaupt wenig. Kinmonth konzipiert ein Spannungsverhältnis, in dessen Zentrum er Elisabeth stellt. Die schwarz gewandete Venus steht gegen eine dazu erfundene „heilige Jungfrau“, die Kräfte von Vernunft und Demut verkörpert, also auch Systemkonformität. Natürlich zerbrechen Elisabeth und Tannhäuser an diesem unvereinbaren Gegensatz. Aber muss man beide Damen deswegen nahezu unentwegt über die Bühne schreiten lassen, gerne in Gesellschaft von Statistinnen mit roten Perücken, die zwei Akte lang Venus und am Ende der Jungfrau folgen? Dazu kommt die Bühne von Darko Petrovic, ein leerer Raum, strukturiert durch eine kalt leuchtende modernistisch klare Säulenkonstruktion, in dessen Mitte das Orchester eingesenkt ist. Zwei der Säulen sind mobil, können durch das Orchester fahren und transportieren insbesondere Venus etliche Male ans andere Ufer. Immer wieder begegnet sie der Jungfrau, stehen sich die zwei gegenüber wie Spiegelbilder und, führen rätselhafte rituelle Handbewegungen aus. Aber eine Beziehung zwischen ihnen entsteht nicht.

Patrick Kinmonth stellt Bilder, klügelt Symmetrien aus, arrangiert auch die herausragend singenden Chöre in statischen Tableaus und nimmt ihnen so die durch Text und Musik vorgegebene zielorientierte Dynamik, die eigentlich ein wesentlicher Impuls der Tannhäuser-Dramaturgie ist. So wird die Entscheidung über das Gelingen dieser Aufführung ganz und gar an die musikalischen Kräfte delegiert. François-Xavier Roth dirigiert seinen ersten Wagner. Schon die Ouvertüre lässt schwelgen, besonders die Holzbläser präsentieren sich in seltener Brillanz. Unter- und Nebenstimmen, die sonst eher selten zum Vorschein kommen, sind wie selbstverständlich zu hören. Die Tempi sind eher gemächlich, aber fast nie langweilig. Bestechend wie die Schönheit des Klanges ist dessen Klarheit, mit der herausgearbeitet wird, wie Richard Wagner bereits hier mit einer Motivarchitektur arbeitete.

Für die Sänger ist der Abend nicht einfach. Die Inszenierung führt sie kaum zu schlüssigen Figurenportraits. Dazu klingen die Stimmen durch die Position des Orchesters wie ausgestellt, nahezu nackt. So hört man genauer, als es bei einer Einbettung der Singstimmen in den Orchesterklang möglich - und wünschenswert - wäre, wie Kristiane Kaiser ihrer an sich hoch gelagerten, lyrischen Stimme die Elisabeth abringt, indem sie sie extrem kontrolliert und mit viel Vibrato einsetzt. Alle Töne sind da, eine Figur entsteht auch aus der Musik nicht. Dalia Schaechters Venus lebt von ihrer immer noch überwältigenden Bühnenpräsenz, auch hier wirkt die gesangliche Durchdringung, vor allem in der Höhe, arg hergestellt. Miljenko Turk ist ein ungewohnt hellstimmiger Wolfram, der die extrem langsamen Tempi im zweiten Akt problemlos bewältigt und die dankbare Partie mit großer Intensität erfüllt. Der mit Abstand beste Sänger des Abends ist Karl-Heinz Lehner, ein stimmlich und darstellerisch absolut souveräner und eleganter Landgraf. David Pomeroy braucht in der Titelrolle etwas Eingewöhnungszeit. Die Stimme spricht zunächst nur unter Druck wirklich an. Am Ende des zweiten Aktes hat er sich dann frei gesungen, seine „Erbarm dich mein“-Rufe beeindrucken stark und die intensiv und differenziert gestaltete Rom-Erzählung ist ein großer Höhepunkt. Was an diesem Abend aber leider nicht wirklich viel bedeutet.