Hairspray im Dortmund, Oper

Teenager-Träume

Viel Haarspray braucht Tracy Turnblad um ihre hochtoupierte Jackie-Kennedy- Frisur haltbar zu machen. Ebensoviel, wenn nicht mehr davon sprüht sich Link Larkin, angesagter Schmacht-Rock’n’Roller der lokalen Jugend-Fernsehtanzshow auf seine Elvis-Tolle. Damit aber sind die Gemeinsamkeiten der beiden auch schon erschöpft.

Wie der coole Typ und der pummelige, aufmüpfige Teenie im Baltimore der frühen 60er Jahre am Ende dennoch zusammenkommen, davon erzählt das Musical Hairspray, das 2002 uraufgeführt wurde und seitdem immer wieder auf den Spielplänen auftaucht.

Eine High- School- Romanze, die aber auch die strikte Rassentrennung der damaligen Zeit aufgreift. Tracy hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ihr gelingt es mit Hilfe ihrer Freunde zumindest dafür zu sorgen, dass in der „Corny-Collins-Show“ Schwarze und weiße Jugendliche gemeinsam tanzen dürfen. Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, dem gelingt alles. Das ist die Botschaft, die Hairspray vermittelt. Das klappt im wirklichen Leben natürlich nicht – weder 1962 noch im Jetzt.

Aber wer lässt die Realität nicht gern mal für zwei, drei Stunden hinter sich und will diese Botschaft glauben, zumal dann, wenn sie mit soviel Emphase auf die Bühne gebracht wird wie jetzt im Opernhaus Dortmund.

Farbenfroh ist Knut Hetzers Bühne, links sehen wir das gemütlich-chaotische Haus der Turnblads. Die übrige Fläche wandelt sich blitzschnell vom Fernsehstudio, über die Schulaula zum Gefängnis.

Regisseurin Melissa King nutzt den sich ihr bietenden Raum perfekt aus. Die swingenden, rockenden, schmachtenden Songs von Hairspray choreographiert sie mit ganz viel Liebe zum Detail. Es entstehen prächtige, virtuose Ensembles, die Protagonisten werden individuell gezeichnet und es tauchen Hip-Hop-Elemente auf, die zwar nicht in die 60er Jahre passen, doch super in diese Inszenierung. Das ist alles andere als Musical-Massenware!

Und die Akteure auf der Bühne danken es King, indem sie sich voll hereinlegen in diese Produktion und das auch dem Publikum vermitteln. Es sind aber auch tolle Sänger und Darsteller, die sich da in Dortmund präsentieren und in den aufwändigen, teils bonbonfarben und paillettenbesetzten Kostümen Judith Peters ihr Bestes geben. Das gilt für das singende und tanzende Ensemble ebenso wie für die Hauptfiguren. Sarah Schütz und Marie-Anjes Lumpp legen als herrlich intrigantes Mutter-Tochter-Gespann dem Happy-End immer neue Stolpersteine in den Weg, Morgan Moody als aufmüpfiger Showmaster undAnnakathrin Naderer als Tracys stimmgewaltige Freundin Penny, die sich in den Farbigen Seaweed verliebt – Michael B. Sattler ist umwerfend sexy- bringen Würze in die Story. Glaubwürdig wandelt sich Jörn-Felix Alt als Link unter dem Einfluss von Tracy vom Saulus zum Paulus. Die wird von Marja Hennicke sowohl als ganz schwärmerischer Teenie wie auch herzerfrischend zupackend gezeichnet. Ins Herz des Publikums singt sich Deborah Woodson als soulige Motormouth. Fritz Steinbacher als Vater Turnblad und Hannes Brock, der auch im XXL- Übergrößenkleid eine gute Figur macht, als Mutter Tracys bringen mit ihrem Liebesduett den Saal zum Kochen.

Philipp Armbruster und die Dortmunder Philharmoniker rocken , was das Zeug hält. Ein kleiner Wermutstropfen: Oft tönt’s laut von der Bühne. Vielleicht sollte man die Regler ein Stück herunterfahren.

Kaum ist der letzte Song verklungen, springt das Publikum von den Sitzen, klatscht, johlt und pfeift begeistert – von wegen „dröge Westfalen“! Wenn das kein Publikumsrenner wird, wäre das ein Wunder: