Tosca im Theater Hagen

Flucht aus der Realität

 Vor kurzem war im Fernsehen nochmal der zweite Tosca-Akt aus Covent Garden 1964 mit Maria Callas zu sehen. Die Diva durchfieberte, durchlitt ihre Szenen. Wie die (nicht aufgezeichneten) Rahmenakte der Zeffirelli-Inszenierung aussahen, kann man sich ausmalen: naturalistisch bis ins letzte Detail, auf die Impulsivität der großen Sängerdarstellerin zugeschnitten. Keine Folgeinszenierung dürfte sich von solcher melodramatischen Ästhetik gänzlich abgenabelt haben. Die veristische Glut der Musik packt ja auch stets aufs Neue, und der Nervenkitzel des Sujets verliert sich nicht.

Nun bringt das Theater Hagen, zehn Jahre nach der letzten Produktion, das Werk neu heraus. Eine stark umjubelte Premiere. Dem neu bestallten Dirigenten Joseph Trafton hätte man gerne noch phonstärkere Ovationen gegönnt. Wie er nämlich aus dem Hagener Orchester wirklich ein „philharmonisches“ formt (offizieller Name: Philharmonisches Orchester Hagen) besitzt durchaus Ereignischarakter. Die sicher geblasenen Hornfanfaren zu Beginn des 3. Aktes, die heiklen Cello-Soli – erstaunliche Einzelleistungen. Vor allem jedoch versteht es der junge amerikanische Maestro einen satt brodelnden Verismo-Sound zu erzeugen und diesen dann mit subtilen Farbfeldern aufzulichten. Traftons außerordentliche Leistung sollte auch von allen Verantwortlichen wahrgenommen werden, welche über die gefährdete Zukunft des Hauses zu entscheiden haben.

Die Inszenierung stammt von Roman Hovenbitzer, ständiger Regiegast am Theater Hagen. Auch er verzichtet nicht auf werktradierte Deutungsansätze. Doch lenkt er den Blick des Zuschauers sofort auf einen in der linken Loge platzierten Schminktisch Toscas (Bühne: Hermann Feuchter). An ihm verbringt die Diva nahezu ihr ganzes Leben, weitgehend abgeschottet von den Wirrnissen jenseits der Bühne. Auch der Maler Cavaradossi ist ein sich verzehrender Künstler, wenn auch nicht ganz so weltabgewandt (er durchschaut Scarpias Machenschaften und kennt den politischen Rang von Angelotti). Dennoch flüchtet er mit seiner Geliebten in ein fragwürdiges Glücklichsein, welches – da nicht genügend geerdet – stets Gefahr läuft, von brutaler Realität unterhöhlt zu werden.

Im Programmheft ist ein Beitrag des Regisseurs Willy Decker zu seiner Stuttgarter Tosca-Inszenierung 1998 abgedruckt (Konzept wie in den vorangehenden Zeilen beschrieben). Auf deren Grundidee nimmt Hovenbitzers Arbeit offenkundig Bezug. Die Hagener Aufführung beginnt musiklos mit einer Verbeugung Toscas (plus Partner) im Hintergrund, gerichtet an ein imaginäres Auditorium, welches im Hagener Zuschauerraum zu sitzen scheint. Dieser Vorgang wiederholt sich später noch einmal.

Der dritte Akt ist in Hagen dann wirklich ganz große Show, bei der sich Wirklichkeit und Halluzination mischen. Der eigentlich tote Lüstling Scarpia übernimmt die Rolle des Schließers, wird von der Kostümbildnerin Anna Siegrot mit schwarzen Flügeln in einen Todesengel verwandelt, lenkt - Charon gleich - die Liebenden auf einem Boot, zu welchem nun ein schon vorher symbolisch genutztes Riesenkreuz geworden ist, in die vermeintliche Freiheit. Das Hagener Publikum zeigte sich von der eigenwilligen Deutung fasziniert, war es auch von der Ausstattung Hermann Feuchters. Diese arbeitet auf der von „Gefängnis“-Wänden umstandenen Bühne vor allem mit bemalten Gazeschleiern, darauf zu sehen mal Realistisches wie die Kirche Sant’ Andrea della Valle, mal ein fratzenhaftes, dämonisches Gesicht. Am unteren Ende liest man „L’arte è figlia della libertà“. Der Sprung Toscas von der Engelsburg wird nota bene filmisch gezeigt – Macht des Theatralischen selbst noch im Tod.

Veronika Haller gibt die Titelpartie mit Herzblut und emotionaler Attacke, dabei im vokalen Ausdruck genügend differenziert. In der runden Formung von Spitzentönen ist ihr Xavier Moreno um Einiges voraus. Der spanische Tenor gestaltet den Cavaradossi aber nicht nur mit Forteprunk, sondern auch mit viel Piano-Verständnis, ist zudem ein überzeugender Darsteller. Karsten Mewes war in Hagen (und ist weiterhin) Wagners Holländer. Den Scarpia gibt er einigermaßen chevaleresk, ohne schwarze Dämonie. Aber damit entgeht er der Gefahr von Übertreibung und Vordergründigkeit. Starke Comprimarii: Kenneth Mattice (Angelotti) und Rainer Zaun (Mesner), zutreffend agieren Richard Van Gemert (Spoletta) und Dirk Achille (Sciarrone). Sopranlieblich tönt der Hirt von Celina Igelhorst aus dem Off. Chor (Wolfgang Müller-Salow) und Kinderchor sind untadelig, tragen ebenfalls zur starken Wirkung des Abends bei.