Mathis der Maler im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Ein Künstler im Strudel gesellschaftlicher Umbrüche

Kunst und Politik, Kunst und Gesellschaft, wie geht das zusammen? Muss man - gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche - als Künstler Farbe bekennen, oder darf Kunst auch etwas Kulinarisches, schmückendes Beiwerk oder gar Herrschaftsstabilisierendes sein?

Mathis der Maler muss sich entscheiden. Lange bedrängen ihn Fragen nach dem Sinn seiner Kunst. Wofür malt er eigentlich und für wen? Für seinen Dienstherrn, den Erzbischof Albrecht von Mainz, der Mathis’ Existenz sichert. Während draußen in der Welt der Glaubenskampf schwelt. Immer mehr Menschen bekennen sich zum neuen lutherischen Glauben. Und es tobt Krieg, denn Bauern lehnen sich auf gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung. Mathis stellt sich auf ihre Seite, muss aber auch dort Brutalität und Ungerechtigkeit erleben.

Keine Frage, Paul Hindemith meint sich selbst, wenn er die Konflikte schildert, in denen der Barockmaler Matthias Grünewald gesteckt haben mag. Er meint sich und seine Situation unter der faschistischen Herrschaft in den 1930er Jahren.

Hindemith ist sein eigener Librettist. Seine Opernfiguren repräsentieren Eigenschaften, wie sie dem Maler im sechsten Bild als Vision erscheinen: Reichtum, Macht, Kalkül, Egoismus, in den Frauen auch Opferbereitschaft, tiefen Glauben und Liebe.

Der Antagonismus zwischen Künstler und Gesellschaft ist zeitlos. Hindemith nähert sich dem hochkomplexen Thema mittels ausdifferenzierter Musik und einem Libretto, das sprachlich schön, aber oft sehr theoretisch, eher über statt mitten im wirklichem Leben zu schweben scheint. Das erschwert dem Regisseur die Annährung an diesen Mathis. Michael Schulz entscheidet sich dafür, eine Art Zeitlosigkeit heraufzubeschwören und dennoch den Gegenwartsbezug herzustellen. Heike Scheele baut dafür graue Mauern mit Gewölbecharakter auf die Bühne, die sowohl den Kreuzgang im Mainzer Dom, den Kardinalspalast und karges Maleratelier sein können. Renée Listerdal betont den großen zeitlichen Bogen, in dem sie für den Bauernführer Schwalb eine durchaus barocke Felduniform, aber auch viel aktuellen Businesslook schafft.

Schulz führt seine Personen mit viel Symmetrie durch das Geschehen. Er lässt Regina, die ihren Vater Schwalb in seinem Kampf für die Bauern immer unterstützt hat, zur „NoWar“-Ikone mutieren, ironisiert Mathis’ Vision mit Hilfe rosa-gelb gekleideter Rauschgoldengel, erspart sich aber auch nicht die Albernheit einer Tortenschlacht. Da vereint sich ein ganzes Sammelsurium von Ideen, das sich zu einem Ganzen nicht recht runden will.

Hindemiths Oper trägt ausgesprochen oratorische Züge. So nimmt es nicht Wunder, dass es dem Chor obliegt, die Handlung voranzutreiben. Eine musikalisch durchaus kniffelige Aufgabe, die den Chören auf das Beste gelingt, wie auch die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann Hindemiths expressive, fordernde Partitur bis zum letzten Takt klangschön angeht, durchaus dramatisch den Klang „aufdrehend“, aber stets absolut sängerfreundlich.

Viel Personal steht auf der Bühne, darunter mehr als „nur“ zwei oder drei Hauptfiguren. In die Titelpartie schlüpft Urban Malmberg mit klangschönem Bariton, der Mathis’ wechselvolle Gefühle spürbar werden lässt. Martin Homrich ist Mathis’ Arbeitgeber Albrecht von Brandenburg, ein höhensicherer Tenor mit überzeugender Bühnenpräsenz. Den missionarischen Bauernführer Hans Schwalb gibt Tobias Haaks mit nicht minder großem persönlichem Engagement und ausdrucksstarker Stimme. Bele Kumberger ist Schwabs Tochter Regina – eine für diese Rolle perfekte Darstellerin mit ebenmäßig funkelndem und an Farben reich ausgestatteten Sopran. Die Rolle der Ursula, Tochter des zu den Luherischen übergelaufenen Kaufmanns Riedinger, übernimmt Yamina Maamar, die vielleicht schon eine Spur zuwenig von ihrer jugendlichen Frische zu mobilisieren vermag. Edward Lee dagegen gibt den Capito, einen engen Vertrauten des Kardinals, mit List und Kalkül – und hellem, leicht metallischem Tenor, was hier gut passt. In den kleineren Rollen bewähren sich Luciano Batinic, Edward Lee, Joachim Gabriel Maaß, Almuth Herbst, Jacoub Eisa, Tobias Glagau sowie Apostolos Kanaris.