Il Trovatore im Essen, Aalto-Theater

Kriegszeiten

Es gab Zeiten im Essener Aalto-Theater, da Dietrich Hilsdorf Verdis Trovatore inszenierte – und nach der Premiere bei den Repertoire-Vorstellungen Menschen vor dem Opernhaus mit Kreuzen in der Hand gegen die Inszenierung protestierten. Und in denen es Leute gab, die im Theatersaal spontan Kerzen entzündeten, um sie anschließend an den Rand des Orchestergrabens zu tragen. Als Zeichen ihrer Missbilligung. Dann gab es etliche Jahre später, Anno 2001, eine zweite Hilsdorf-Inszenierung desselben Stückes an demselben Haus, die auch nicht ohne Proteste und heftige Premieren-Buhs auskam.

So was wird der ganz aktuellen Neuinszenierung der bekanntlich kruden Geschichte, die Giuseppe Verdi da im Trovatore entfaltet, ganz sicher nicht passieren. Im Gegenteil: die Kerzen werden nun ganz planmäßig und absichtlich von Ordensfrauen auf die Bühne gestellt. Nämlich dann, wenn Leonora sich nach der (Falsch-)Meldung, ihr geliebter Manrico sei tot, ins Kloster geht und in diesem Schritt den einzigen Ausweg aus ihrer Lage sieht. Damals Kerzen der vermeintlichen Wahrer der „guten Sitten“ als Ausdruck ihrer Missbilligung einer vermeintlich provokanten Hilsdorf-Inszenierung - heute Kerzen als niedliches Aperçu einer Trovatore-Deutung, die ebenfalls einen Buh-Sturm zeitigte. Nur aus völlig gegensätzlichem Grund. Denn es ist ziemlich klar, weshalb sich die beiden Regisseure Patrice Caurier und Moshe Leiser bei der Premiere Anfang Dezember 2017 im Aalto-Theater einen gehörigen Buh-Sturm eingefangen haben: nicht, weil auf der Bühne zu viel gezeigt wurde, sondern zu wenig. Viel zu wenig.

Von Deutung war da nämlich kaum eine Spur! Nun gut, irgendwie ging es um Krieg, um Soldaten, um beklagenswerte Menschen, die unter den Folgen der Gewalt zu leiden haben. Bei Verdi/Cammarano waren das Zigeuner, bei Caurier/Leiser sind das ärmlich gekleidete Massen, die offenbar aus einem anderen Kulturkreis fliehen mussten und nun ganz unvermittelt in einen großen, aseptisch wirkenden Raum mit weißen und grauen Wänden eindringen, in einen Raum so groß wie eine Turnhalle, in der Stühle herumstehen, auf denen Herren im feinen Zwirn sitzen. Primitive Leuchtmitteln hängen an der Decke. Auf dieser Einheitsbühne wird der Krimi - nichts anderes ist der Trovatore - verhandelt. Von Anfang bis Ende. Aber was heißt verhandelt? Im Wesentlichen nämlich passiert: Nichts. Jedenfalls nichts, was damit zu tun hätte, eine Geschichte zu erzählen, große Emotionen beim Publikum zu wecken, Partei zu ergreifen für Azucena, die ihre auf dem Scheiterhaufen gelandete Mutter rächen will, für Leonora, die sich für den geheimnisvollen Troubadour interessiert, oder für diesen Troubadour selbst. Nein, dieser Inszenierung sieht man über weite Strecken einfach teilnahmslos zu. Auch deshalb, weil furchtbar viel herumgestanden wird. Just dort, wo „Action“ angesagt gewesen wäre. Oder weil es Regie-Einfälle gibt, die schlichtweg nichts anderes als niedlich sind wie die auf die Bühne geschobenen Kerzen zu Beginn der Klosterszene. Mitleidig lächelt man, wie die Kriegsflüchtlinge sich rund um Azucenas Bett versammeln, ihren (Zigeuner-)Chor anstimmen und dabei zwei der Akteure von der Regie dazu angehalten worden sind, im Viervierteltakt mit irgend einem Knüppel auf das Kopf- und Fußteil eben jenes Bettes zu hämmern. Vollends senkt man sein Haupt oder schließt die Augen, wenn Graf Lunas Truppen (der Sturm der Festung Castellor ist geglückt!) das machen, was solche Truppen immer machen: vergewaltigen. Da schwappt eine so billige Gummi-Puppe auf die Bühne, dass man sich ernsthaft fragt, welcher Mann denn wohl mit diesem Ding kopulieren möchte. Solche Szenen sind es, die die Essener Inszenierung unfreiwillig komisch machen. Und viele andere sind hinsichtlich ihrer theatralischen Umsetzung einfach schlecht. Wird da wirklich geliebt, gelitten, gehasst und gehofft? Auf eine Weise, die das Publikum ungefragt mitnimmt? Leider selten! Bierkisten werden geschleppt, jede Menge Waffen in den Himmel gereckt, Stacheldraht will Grenzen deutlich machen – und zum Schluss schlägt sogar noch eine Bombe ein und Betonbrocken fallen von der Decke. Das alles sind ja per se durchaus brauchbare Mittel - hier aber wirken sie beliebig, ja klischeehaft. So klischeehaft wie die Personenführung, die deshalb gar keine ist, weil dem Regieteam zu diesem Thema sämtliche Ideen fehlen und es sich stattdessen aus der Klamottenkiste bedient. Hauptsache symmetrisch und schön im Rhythmus, im Idealfall stampfend.

Besser ist es um die musikalische Seite dieser Produktion bestellt. Am Pult der Essener Philharmoniker steht Giacomo Sagripanti. Und der macht seine Sache sehr gut, wenngleich er nicht unbedingt in jedem geeigneten Moment Funken aus Verdis Partitur schlägt. Seine Tempi sind eher moderat, seine dynamische Spannbreite kommt, jedenfalls nach oben hin, ohne Extreme aus. Will heißen: er könnte durchaus noch eine Schippe drauflegen, wenn Verdi es krachen lässt. Aber gut. Sagripanti erweist sich auf jeden Fall durchweg als sängerfreundlich. So kommt Aurelia Florian als Leonora mit leicht abgedunkeltem Sopran schön zur Geltung, nachdem ihre anfänglichen Intonationstrübungen während der Premiere verflogen waren und sie die ganze Intensität ihrer Stimme offenbaren konnte. Nikoloz Lagvilava ist ein raumgreifender Graf Luna, immer präsent, immer glaubwürdig - und immer böse. Gaston Rivero in der Titelpartie hat Kraft ohne Ende, will heißen: bis hinauf zum hohen C, spart dieses aber am Schluss der Stretta „Di quella pira“ aus. Insgesamt aber macht er eine sehr gute Figur. Noch mehr Carmen Topciu als Azucena. Sie ist in dieser Inszenierung eigentlich die einzige all der handelnden Personen, der man in der Tat abnimmt, wie sie fühlt, wie sie denkt, wie sie handelt. Sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Ein tolles Rollenporträt und zweifellos das Highlight dieser Inszenierung. Für Carmen Topciu möchte man Kerzen aufstellen, nicht aus Protest sondern als „Dankeschön“.