The Broke’n’Beat Collective im Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum

Broke, But Not Broken

I might be broke, but I’m not broken, I might be beat, but I’m not beaten.“ - Sue Buckmaster und Keith Saha wünschen sich für ihre seit Februar 2016 zunächst durch Großbritannien, mittlerweile auch durch Europa tourende „Hiphop-Theater“-Produktion ein Publikum zwischen 13 und 30 Jahren. „We are the jobless generation“, skandieren die Performer. Im Arbeiterviertel rund um die Anfield Road in Liverpool beträgt die Jugendarbeitslosigkeit weit über 30 Prozent. Dort versucht Jürgen Klopp mit den Fußball-Millionären vom FC Liverpool ein wenig Glanz in den Alltag der jungen Menschen zu bringen. They shall never walk alone, aber wer von ihnen kann sich schon ein Ticket für die „Reds“ leisten? Fünf Kilometer südlich liegt im Stadtzentrum das Unity Theatre, in dem die Jugendlichen für nur sechs Pfund im Februar 2016 die Premiere von The Broke’n’Beat Collective verfolgen konnten. „I might be broke, but I’m not broken, I might be beat, but I’m not beaten …“ - die Zielgruppe hat den Ermutigungs-Song nötig, den wir alle miteinander am Ende der Performance wiederholen.

Auch beim Gastspiel in Bochum besteht das Publikum zu drei Vierteln aus Schülern und sehr jungen Erwachsenen, die wunderbar mitgehen, sobald die Performer sie mit dem Ruf „Make some Noise!“ dazu animieren. Noise macht das exquisit zusammengesetzte Ensemble eigentlich schon selber zur Genüge: die Sängerin und Rapperin Elisha Howe, die auf den Künstlernamen Elektric hört, der Puppenspieler Mohsen Nouri, der Tänzer und Break Dancer Ryan LoGisTic Harston und Jack Hobbis alias Hobbit, der Mannschaftsweltmeister des Jahres 2015 im Beat Boxing. Sie alle zeigen Kostproben ihres individuellen Könnens, fügen sich aber vor allem ein in eine energetische, teamorientierte Performance mit manchmal etwas zu deutlich spürbarem pädagogischem Impetus.

Das Konzept der 75minütigen Aufführung ist einfach, aber höchst phantasievoll: Die Kulissen bestehen aus zahlreichen Pappkartons, die zu den verschiedensten Formationen verschoben werden, Häuser, Straßen und Gesichter darstellen können und aus denen ein „Jack-in-the-Box“ entspringt - ein ganz anderer, wilderer als der aus dem harmlosen Kinderlied bekannte. Die Performer greifen in diese Kartons und ziehen daraus ihre Geschichten, die wie die Lieder eines Popmusik-Albums betitelt und gesampelt sind und die Welt ihres Publikums abbilden sollen, das man offenbar vorwiegend in prekären Verhältnissen vermutet. Nichts hat mit nichts etwas zu tun - oder alles mit allem: Gesprochen, gerappt, mit melodischen Liedern und mit Puppenspiel entwerfen die Akteure kleine Miniaturen, die von Armut und Arbeitslosigkeit handeln, von Hiphop-Kultur und Repression, von Perspektivlosigkeit und den tauglichen und untauglichen Versuchen, dieser zu entkommen. Doch stets machen die Performer den Kids am Ende ihrer Geschichten Mut.

Da gibt es die Geschichte von den Sprayer-Kids im U-Bahn-Tunnel: In einem – musikalisch mitreißenden – Song wird Gesellschaftskritik mit Hilfe von klackernden Spraydosen geübt, bis dass die Polizei kommt. Irgendwie endet die Story versöhnlich. Da gibt es den Jungen Omar, der nicht sprechen und sich nicht integrieren will, aber irgendwann seine Stimme findet. Meist treten die Figuren in Form von ganz einfach gestalteten Papierpuppen auf: Da gibt es die hübsche Lateefah mit den schönen Ohrringen, die nach einer leichtfertig eingegangenen Beziehung mit dem armen Jack aus der Box einen eindrucksvollen Schwangerschafts-Bauch bekommt. Da gibt es das Mädchen Joanne, das endlich keine Angst mehr hat: „Ich habe mich regelmäßig geritzt“, sagt sie und schnibbelt bedrohlich an ihrer Papierfigur herum, „aber vor einem Jahr habe ich aufgehört. Ich habe mir helfen lassen.“ Sie erzählt in einfachen Worten von ihren Therapiesitzungen, von ihrem Wunsch nach einem Jura-Studium. Und sie stärkt den Jugendlichen das Rückgrat: „Man muss sich Gehör verschaffen“, fordert sie, „Stärke beweisen. Befreie dich auch! Brich mit mir aus!“

Dem älteren Zuschauer, der das Maximalalter der Zielgruppe um mehr als das Doppelte überschritten hat, kommt das bisweilen allzu wohlmeinend und holzschnittartig vor, aber wie viele Mädchen mögen hier im Publikum sitzen, die sich ebenfalls schon einmal geritzt haben? Und: Wenn eine kleine weiße Papierpuppe so zu berühren vermag wie Joanne, kann die Performance nicht schlecht sein. Tatsächlich haben manche Auftritte etwas Genialisches. Songs von bittersüßer Romantik wechseln sich ab mit Szenen und Raps voll lärmender Energie. Es gibt Clownerien und Trauriges, es gibt Zauberkunststückchen, und Ryan präsentiert eine herausragende Break Dance Nummer. Andere Nummern haben Längen, oder es verrutscht die Darstellung einer bedrohlichen Street Gang in albernes Kindertheater. Für den Krieg der Straße wirken die Darsteller nicht böse genug – da scheinen sie die zarten Seelen der 13jährigen im Blick zu haben. Dann wieder sind Wortwahl und Geschehen für Kindertheater ungewöhnlich explizit, wovor die Eltern vorsichtshalber mit einem dicken Papper gewarnt werden („Parental Advisory“). So recht konnte man sich wohl nicht entscheiden, ob man eher für die 13jährigen oder eher für die 20jährigen spielen möchte.

Es ist halt wie bei einem Plattenalbum, bei dem ebenfalls nur selten alle Titel gleichermaßen überzeugen. Aber mit ihrer Energie und Phantasie sowie mit ihrer tollen Musik bringt die Gruppe letztlich alle Zuschauer auf ihre Seite. Die Jugendlichen sowieso: Das begeisterte Johlen und Pfeifen wollte nicht enden.