Benzin im Bielefeld, Stadttheater

Unvorhergesehene Bruchlandung

Wer der mittleren und älteren Generation des Opernpublikums angehört, aber mit dem Namen Emil Nikolaus von Reznicek nichts verbindet, kennt dennoch zumindest ein Stück dieses Komponisten: die Ouvertüre aus Donna Diana. Denn diese schwungvolle Musik eröffnete bis 1985 in der Bundesrepublik Jahre lang das Fernsehratespiel „Erkennen Sie die Melodie?“ Reznicek und die meisten seiner restlichen Bühnenwerke sind aber längst dem Vergessen anheimgefallen.

Diesem Vergessen wirkt das Theater Bielefeld nun entgegen – und bringt Rezniceks „heiter-phantastisches Spiel mit Musik in zwei Akten“ auf die Bühne. Sein skurriler Titel: Benzin!

Ja, es ist der Treibstoff, um den es hier geht. Der nämlich ist dem imaginären Zeppelin Z 69 ausgegangen, weshalb er knapp vor Erreichen seines Ziels an der amerikanischen Ostküste auf einer unbekannten Insel strandet. Und die ist, so krude es klingt, voll von dem begehrten Motorenfutter, über das die schrille Milliardärs-Tochter Gladys Thunderbolt gebietet. Schnell auftanken und dann nichts wie weg, denkt sich Luftschiff-Kommandant Ulysses Eisenhardt. Aber der hat die Rechnung ohne Gladys gemacht. Die nämlich denkt nie an etwas anderes, als Männer zu bezirzen. Ulysses und Circe… - das klingt nach Homer. Und an diesen antiken Stoff knüpft Reznicek an, greift dabei auf Calderón de la Barcas Dichtung zurück. In der Oper indes mutiert das ganze Geschehen zur Farce! Als eine ebensolche bereitet Regisseurin Cordula Däuper die hanebüchene Geschichte auch auf. Als leicht übertriebenes, kunterbuntes Spiel mit Klischees. Dazu baut Ralph Zeger ihr eine Tankstelle („Alles super“) mit zwei Zapfsäulen auf die Bühne. Gladys Thunderbolt kommt als pinkfarbene Barbiepuppe daher, als egozentrische Göre; Eisenhardt gibt sich als Macho-Typ, vor jeder Verführung respektive Hypnotisierung gefeit. Seine Kollegen von der Luftschiff-Besatzung dagegen trifft das Schicksal, das allen Gästen blüht, die in Thunderbolts Hoheitsgebiet landen. Sie werden zu Tieren verzaubert, was herrliche Bühnenmomente und amüsante Choreografien zeitigt. Und auch sonst vergehen die gut 100 Minuten auf dieser Insel mit Tendenz zum Explosiven wie im Flug und reizen die Lachmuskeln, etwa wenn Kombüsenchef Franz Xaver Obertupfer, ein waschechter Münchener, mit einer Mega-Weischwurscht auftaucht. Ein echt cooler Typ mit Dutt und Rauschebart ist Luftschiff-Funker Emil Nikolaus Machullke. Sein Faible für Berlin trägt er quasi in der Hand mit sich herum: den Funkturm vom Alexanderplatz in Spielzeug-Version! Irgendwann taumelt auch Gladys Vater Jeremias auf die Bühne - als Eins-zu-Eins-Kopie jenes amerikanischen Maulhelden, der momentan im Weißen Haus logiert. Jeder seiner Sätze endet mit „Phänomenal“. Herrlich!

Vor allem aber lohnt es sich, von Rezniceks Musik zu lauschen - ein bunter, gekonnt instrumentierter Stilmix, in dem Jazz-Anleihen ebenso ihren Platz haben wie Anklänge an Mahler, Strauss und Wagner. Eine Mischung aus Oper, Operette, Musical und Tanzmusik, die in jedem Moment spannend ist und durchaus Ansprüche an die Solisten stellt. Das Bielefelder Ensemble erfüllt sie problemlos. Melanie Kreuter als Gladys Thunderbolt ist ein unschlagbares schauspielerisches Talent, ebenso Jacek Laszczkowski als Kommandant Eisenhardt. Nienke Otten gibt Gladys Freundin Violet mit großem Spaß und mit umwerfender Stimme: ihr Sopran funkelt in allen Lagen und durch sämtliche Koloraturen. Ein Ereignis! Caio Monteiro als Bordingenieur, Lorin Wey als Funker, Lutz Laible als Koch - sie und all die vielen weiteren kleineren Rollen sind ausgezeichnet besetzt. Wieselflink springen die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung von Gregor Rot zwischen den verschiedenen Genres hin und her, agieren mit Präzision und Lebendigkeit.

Emil Nikolaus von Reznicek übrigens hat seine Oper nie auf der Bühne erlebt. Die Häuser, denen er sie 1929 zur Aufführung angeboten hatte, lehnten dankend ab. Hintergrund: Erst kurz zuvor hatte das Luftschiff LZ-127 „Graf Zeppelin“ erfolgreich die Welt umrundet. Und der erlauchte Kreis der handverlesenen Passagiere auf dieser Reise im fliegenden Luxushotel wäre ganz sicher wenig begeistert gewesen von dem möglichen Vergleich mit dem ulkigen, ja albernen Personal, das in der Oper der Schiffskabine entsteigt. Ganz vorbei war es mit „Benzin“ dann spätestens 1937, als die „Hindenburg“ kurz vor ihrer Landung in der Nähe von New York in Flammen aufging und damit das Ende der Luftschiff-Ära markierte. Erst 2010 erlebte „Benzin“ seine Uraufführung im Theater Chemnitz, die Bielefelder präsentieren nun also die zweite Inszenierung.