Don Giovanni im Aachen, Theater

Leichenschändung in Aachen

Der Komtur, Vater der Donna Anna, hat in der Mozartoper drei ganz kleine Auftritte: Gleich zu Anfang wird er durch Giovanni gemeuchelt, lässt sich im zweiten Akt als Toter von ihm kurz zum Essen einladen, um ihn dann gegen Ende der Oper in die verdiente Verdammnis zu schicken. In der neuen Inszenierung von Joan Anton Rechi ist der chinesische Sänger Ang Du damit allerdings lange beschäftigt: nachdem er mittels einer Statue in einem Museum erschlagen wurde, wird seine Leiche nicht pietätvoll weggetragen, sondern regelrecht bespaßt. Auf der Drehbühne hockte sie immer mal woanders, auch neben Leporello, der in der Registerarie die Liebesverhältnisse mit den Armen und Fingern des Toten erläuterte, wurde von Giovanni beklaut, kauerte auch bei dem wunderbaren Terzett der Masken gleich daneben und tanzte wie eine geführte Puppe bei der Party des Giovanni. Nix ist mit Totenstarre. Aber dieser Firlefanz verhindert auch das genussvollem Goutieren von Mozarts herrlicher Musik, denn man wartete ständig darauf, ob die mit Federhut und Maske kostümierte Leiche (die Premiere fand immerhin am Karnevalssonntag statt) endlich mal umkippt.

Erstaunlicherweise gab es für diese makabren, schon peinlichen Szenen keinerlei hörbare Missfallensgeräusche aus dem Publikum, nicht einmal beim Schlussapplaus für den Regisseur. Der Dramaturg Christoph Lang hatte bei der Einführung darauf verwiesen, dass man den Don Giovanni endlich mal wieder als einfach nur lustige Buffo-Oper zeigen wollte. Das mag ja angehen, etliche billige Slapsticks erzeugten durchaus Heiterkeit, aber auch Kopfschütteln im Publikum. Der arme Komtur wurde beim Ball auf einmal wieder lebendig und begann eine Rauferei mit Giovanni, die er allerdings offensichtlich aufgrund eines Herzinfarktes nicht überlebte. Der kolumbianische Bühnenbildner Gabriel Insignares hatte auf der großen Drehbühne ein Kunstmuseum oder die Galerie des Komtur (der eine Ausstellung eröffnete) mit mehreren Räumen gebaut, im Bildersaal gab es etliche männliche Akte, deren wichtige Stellen von den Damen immer wieder aus der Nähe gemustert wurden. Ein anderer Raum war voll von klassischen männlichen Skulpturen, von denen eine wie erwähnt dem Komtur zum Verhängnis wurde. Später hatte die Polizei wohl diesen „Tatort“ kreuz und quer mit knallgelben Absperrbändern gesichert; diese erwiesen sich als sehr praktisch für den Komtur, der in einem harmlosen Auftritt im kurzem schlichten Totenhemd und mit blutigem Kopfverband den Giovanni damit fesselt und schließlich erwürgt. Eine interessante Alternative zur klassischen Höllenfahrt des Titelhelden.

Im Hinblick auf neue Deutungsansätze oder inszenatorischen Feinheiten gibt es daher kaum Positives zu berichten; das gilt aber nicht für die für die musikalische Seite der Aufführung. Der kommissarische GMD Justus Thorau bemühte sich anfangs mit einem etwas rauen und zu lautem, zunehmend aber geschliffenerem Mozartklang mehr oder weniger erfolgreich um die Synchronisation von Bühne und Orchester, wenn auch vor allem in zweiten Teil etliche Patzer schon ärgerten. Das mag dem Premierenfieber oder nachlassender Konzentration geschuldet sein. Sehr erfreulich waren Hrólfur Saemundsson als Giovanni und Woong-jo Choi als Leporello, ein ideales Paar mit hoher Spielfreude, komödiantischem Witz und herrlichen Stimmen. Bei Patricio Arroyos Don Ottavio, war schauspielerisch und gesanglich noch etwas Luft nach oben, vor allem in der Höhe klang die Stimme bisweilen eher eng und tonlos. Ang Du, der arg strapazierte Komtur, erfreute mit herrlich schwarzem Bass; ob er als Langzeit-Toter wohl ein Double auf der Bühne hatte ? Michael Terada als Masetto sang rollengemäß prima, könnte aber noch ein wenig mehr Aktivität im Spiel zeigen.

Bei den Damen imponierte am meisten Suzanne Jerosme als Zerlina mit mädchenhafter Figur und herrlich leuchtendem Sopran, wohingegen Netta Or als Elvira, wenngleich ihre Koloraturen einwandfrei strömten, schon ein recht hartes Klangbild in der Stimme hören ließ. Katharina Hagopian als Donna Anna verfügt über eine sehr angenehme Stimme und ein herrlich zartes Piano; sie könnte allerdings für diese Rolle etwas mehr Dramatik an den Tag legen. Der kleine Knüller im Schlussbild, als die Drehbühne den Fiesling Don Giovanni präsentierte, eine gelb umschnürte Statue auf einem Sockel im Museum für alle Zeiten zur Abschreckung fixiert, erfreute auch den Rezensenten, aber ganz besonders das ausgebuchte Haus, welches sich mit jubelndem Applaus für die durchweg sehr ordentlichen Sängerleistungen, aber auch für die doch diskussionswürdige Inszenierung bedankte.