Die Walküre im Duesseldorf Oper

In den Trümmern der eigenen Welt

Das ist doch mal eine charmante Geste: die Walküren geben einen Sektempfang für all die gefallenen Helden, die sie gerade erst von den Schlachtfeldern aufgesammelt und nach Walhall gebracht haben. Nun gut, es sieht schon ein wenig skurril aus, wenn die doch irgendwie untoten Mannen zum Zeitlupen-Tanz animiert werden. So ganz hat das Prickelnde im Glas auf sie offenbar nicht gewirkt. Allenfalls bei den in leuchtendes Rot gewandeten Töchtern Wotans. Aber dieses Bild zu Beginn des dritten Aufzugs passt zum schäumenden Klang des „Walkürenritts“ in Richard Wagners Drama um Wotan, Sieglinde, Siegmund und Brünnhilde.

Diesen Ritt läutet Regisseur Dietrich W. Hilsdorf schon vor dem noch geschlossenen Vorhang der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf mit martialischem Knattern von Hubschrauber-Rotoren ein. „Apocalypse now“, der Francis Ford Coppola-Klassiker lässt grüßen. Aber wenn sich der Vorhang hebt, liegt der Flieger bereits als abgestürztes Wrack auf der Bühne, für das sich dann kaum noch einer wirklich interessiert.

Ein derartiges Ambiente schadet Wagners Oper überhaupt nicht. Es bleibt allerdings nur eines von wenigen spektakulären Momenten dieser Walküre, mit der Hilsdorf seine in der letzten Spielzeit begonnene Ring-Tetralogie am Rhein fortsetzt. Ansonsten konzentriert sich der Regisseur darauf, was ihm in all den langen Jahren seiner Aktivitäten immer auszuloten wichtig war: die Beziehungen der Personen untereinander. Das ist ihm auch dieses Mal wieder perfekt gelungen.

Dieter Richters Bühne aus klotzigem Beton scheint die Wolfsschanze zu zitieren, das berüchtigte „Führerhauptquartier“ Adolf Hitlers, von dem auch Abbildungen im Programmheft abgedruckt sind. Deswegen hat die Inszenierung aber noch lange nichts mit Nazi-Deutschland zu tun. Im Gegenteil: Hilsdorfs Interpretation erweist sich als zeitlich unbestimmt verortet, anders als sein Rheingold. Das war mitten im Revier und in der Ära der beginnenden Industrialisierung angesiedelt. Also im „Kohlenpott“, wie die „Ureinwohner“ des Ruhrgebietes noch heute sagen, auch wenn die „Hunde“ (also die Kohlenwagen) mit dem schwarzen Gold schon lange nicht mehr aus dem Schacht zu Tage gefördert werden. Im Rheingold rollten sie noch über die Bühne. Mitten durch die Essener Villa des Alfried Krupp.

Nichts davon in der Walküre, die den optischen Eindruck zu dem liefert, was Wotan in seinem Schlussmonolog beklagt: „In den Trümmern der eigenen Welt meine ewige Trauer zu enden.“ In der Tat macht der Ort des Geschehens, mal abgesehen von den Rotweinkaraffen und kristallenen Gläsern auf dem massiven Holztisch, einen alles andere als heimeligen Eindruck. Eher einen heruntergekommenen, in dem es allein darum geht: um die Zwickmühle, in der Wotan sich befindet. Er hat sich an Verträge gebunden zu fühlen. Fricka ist da die treibende Kraft und sorgt sich um den Erhalt des Göttergeschlechtes. Und das tut sie ziemlich resolut! Auch dank der stimmlichen Statur, die Renée Morloc ihr in Hilsdorfs Inszenierung verleiht. Unmissverständlich macht sie ihrem Gatten klar, dass Siegmund zu beseitigen ist. Aber die vom widerwilligen Wotan damit beauftragte Brünnhilde widersetzt sich. Am Ende muss Wotan seine tapfere Tochter bis zu ihrer Erlösung durch den Siegfried der nächsten Wagner-Oper in einen Feuerkreis bannen. Schließlich hat sie in schlimmstem Ungehorsam Siegmund zu retten versucht. Der stirbt zwar, aber dessen Schwester Sieglinde überlebt samt ihrem ungeborenen Sohn.

Und diese Sieglinde ist in dieser Walküre ein absolutes Highlight: die Schwedin Elisabet Strid durchleidet ihr Schicksal mit allen Fasern ihres Körpers, mit allen Schwingungen ihrer fabelhaften, an Nuancen reichen Stimme, hinterlässt also sowohl darstellerisch als auch sängerisch einen grandiosen Eindruck. Sie verschmilzt geradezu mit ihrer Figur. Das überzeugte das Premierenpublikum restlos. Entsprechend enthusiastisch wurde Strid gefeiert.

Aber auch Simon Neal als Wotan mit raumgreifendem Bass, der seinen großen Monolog im zweiten Aufzug mit unglaublicher Emphase formulierte und darin zur Höchstform auflief, wenngleich ihn dann zum Schluss leichte Konditionsprobleme zu schaffen machten. Linda Watson als Brünnhilde erstaunte mit durch und durch präsentem, locker geführtem und energiegeladenem Sopran. Corby Welch konnte punkten mit den „Winterstürmen“, den verwehten, die dem Frühling seiner Beziehung zu Sieglinde wichen. Szenisch ging dies allerdings sehr brav zu – zügellose Leidenschaft stellt man sich etwas anders vor! Ganz authentisch dagegen kam Sami Luttinen als faszinierend finsterer Hunding-Despot über die Rampe.

Ein paar Buhs kassierte Hilsdorf. Man fragt sich weshalb. Denn prinzipiell war seine Deutung schon stimmig, vielleicht mit etwas zu wenig „Biss“, den man von diesem cleveren Regisseur eigentlich erwartet.

Der letzte knisternde Wagner-Funke fehlte auch den Düsseldorfer Symphonikern unter Axel Kober hier und da. Und auch Präzision innerhalb des Orchesters. Dennoch galten Kober und dem Team auf der Bühne lautstarke Ovationen.

Bereits am 7. April geht es weiter mit Hilsdorfs Wagner-Ring. Dann feiert Siegfried im Düsseldorfer Opernhaus Premiere.