Tanz der Vampire im Musical Dome Köln

Von der Faszination des Bösen

Alles, was die Neugier reizt, kommt auf die Bühne. Alles, was den Menschen bewegt, aus der Normalität auszubrechen, wird beredet und musikalisch beschworen. Es ist die Faszination des Bösen, der Gier, der Fluch der Unsterblichkeit. Sie ergeben eine Melange, die mitreißt. Mitreißt in die Welt, die Roman Polanski in seinem Musical Tanz der Vampire beschwört - ein Musical, das er vor 20 Jahren nach seinem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1967 selbst im „Theater an der Wien“ als Uraufführung inszeniert hat. Doch was wäre diese aktuelle Aufführung, fügten nicht Michael Kunze als Texter und Jim Steinman als Herr der Vampir-Musik ihre Fantasie dazu. Einmal mehr beweist ihr Zusammenspiel, was ein Musical leisten kann, wenn es den Herz-Schmerz-Kitsch bravourös hinter sich lässt - und dem Bösen die Chance gibt, uns gefangen zu nehmen. Wie jetzt im Kölner „Musical Dome“, in dem Vampire allabendlich ein blutsaugendes Hochamt feiern.

Dabei beginnt die zunehmend farben- und formenprächtige Schau recht beliebig. Auch wenn von Beginn an die Ironie eine wichtige Rolle spielt. Wenn der klapprig-altersgreise Professor Abronsius, auf der Suche nach einem geheimnisvollen Schloss im fernen Transsilvanien, mit seinem naiv-begriffsstutzigen Schüler Alfred in Chagalls Kneipe landet, wo die Dorfbewohner mit ihrem Dorfdepp das Hohelied auf den Knoblauch anstimmen, sind Angst, Aberglauben und des Professors verquere Logik große Themen. 

Doch wenn das Wirts-Töchterlein Sarah, in das sich Alfred schlagartig unsterblich verliebt hat, nach „draußen“ drängt, dorthin, wo die „Freiheit“ auf sie wartet, sie ins ferne Schloss des Herrn der Unsterblichkeit lockt, sind die Weichen ins Verderben gestellt. Denn nicht nur Sarah, bald danach Opfer des Chef-Blutsaugers Graf von Krolock, saugt schließlich selbst aus Alfreds Hals das lebensnotwendige Blut. Bald sind alle in diesem Dunkel der Grafen-Welt ausgesaugt - in dem sie sich schließlich alle gegenseitig entsaften. Wem dabei Gedanken an den modernen Welt-Zustand ins Hirn schießen, liegt sicher nicht unbedingt falsch. Nichts bleibt hier unbefleckt, nichts führt in naive oder gar verkitschte Urzustände hehrer Menschlichkeit zurück.

Die Blutsauger aller Jahrhunderte krönen schließlich das Spektakel des Bösen in einem rauschhaften Tanz. Tiermasken und ausufernde Kostüme beherrschen die Bühnenwelt. Ihre Träger verfallen in tänzerisches Chaos, finden wieder zusammen. Sie haben den Sieg über die Normalität errungen. Von einem Happy End freilich keine Spur. Das bessere Ende hat in Polanskis Welt das Böse. Ein Grund, weshalb sich dieses Musical einen besonderen Platz in der Welt des Musicals errungen haben dürfte. Zumal in dieser Kölner Aufführung, die sich aus der Atmosphäre eines klischeebeladenen Anfangs rasant in die Welt ebenso kraftvoller wie aggressiver Musik und mitreißender Tänze hochschraubt.

Grandios sind die sich wie von Geisterhand verwandelnden Bühnenbilder, eine umwerfend einfallsreiche Licht-Regie, dazu die Tanz-Choreografien, die den Besucher fast schwindlig werden lassen: Alle Beigaben machen diese Aufführung zu einem optisch wie akustisch überwältigenden Abend. Dass der Umgang der blutsaugenden Mafiosi mit den Damen des Abends möglicherweise #me too-Aktivisten auf den Plan rufen könnte, darf man sich gar nicht vorstellen. Wie auch immer und zu recht: Stehende Ovationen nach drei mitreißenden Stunden.