Das weiße Album im Theater Münster

Rhythmus, bei dem man mit muss

Geschäftigkeit herrscht in der Lounge des „Grand Apple Hotels“. Hotelgäste und -angestellte eilen geschäftig die Treppen hinauf, verschwinden durch die große Drehtür oder treffen sich auf ein Schwätzchen an der Bar. Bernhard Niechotz hat detailverliebt eine Endsechziger-Herberge auf die Bühne gestellt. Das hier etwas nicht ganz in Ordnung ist, merkt man nur am großen Portrait eines indischen „Meisters“ an der Wand. Doch schnell wird klar: in diesem Hotel wird nicht gesprochen, sondern gesungen - das „Weiße Album“ der Beatles nämlich in deutschen Texten Roland Schimmelpfennigs, der in seinen Übersetzungen immer ganz fein Emotionen und Stimmungen herausarbeitet.

Und Michael Letmathe lässt sich wahrhaft viel einfallen, um die stilistisch stark divergierenden Songs auf die Bühne zu bringen. Gar nicht sprechen mag man von einer Regiearbeit - Choreografie ist wahrscheinlich der weitaus angemessenere Ausdruck. Denn Letmathe kreiert für jedes Stück einen kleinen Mikrokosmos, der in sich mittels ganz viel ausgefeilter Bewegungsarbeit und scheinbar unendlichem Kostümreichtum aussagestark und geschlossen ist. Das verlangt von seinem Team auf der Bühne unglaubliche Präzision, schnelles Umkleiden und immer mal wieder auch sehr charmantes Improvisieren.

Und allen gelingt diese Mischung perfekt: Paul Maximilian Schulze, der sich als Page seine „Prudence“ herbeisehnt, ebenso Bo Christian Salle, der gleich zu Beginn zu den Klängen von „Back in the USSR“ ins Hotel einzieht, während Natalja Joselewitsch ihrem Freund „Martin“ nachtrauert („Martha My Dear“). Sandra Bezler singt „Ich bin einsam“ und legt dabei einen grandiosen Auftritt als Ballerina hin. Man ist sicher: Sie hat eine Ballettausbildung genossen. Ilja Harjes passt als Road Cowboy so gar nicht ins feine Hotel, pfeift drauf und intoniert „Mother Nature’s Son“, während Garry Fischmann als verträumter Gärtner mit Zahnspange glänzt. Und dann ist da noch Andrea Spicher, die - ganz energiegeladener Irrwisch - als Running Gag über die Bühne tobt und jeden, der nicht flüchten kann, zum sofortigen Sex animiert: „ Komm zieh Dich aus, wir tun es hier“.

Starke Soli. Doch die Stärke des Abends offenbart sich in den Ensembles - im Zusammenwirken und den Interaktionen, die vor Vitalität und Freude nur so sprühen. Das überträgt sich auf das Publikum und wenn es zum Schluss noch einmal „Back in the USSR“ und „Ob-La-Di, Ob la-Da“ gibt, hält es kaum noch jemanden auf den Sitzen. Ein Abend der rundherum Freude macht und dessen Erfolg mindestens zu Hälfte auf das Konto der Musiker Matthias Fleige, Dominik Hahn, Jürgen Knautz und Fabian Kuss geht, die mitreißend klar machen, warum die Songs der Beatles auch nach 50 Jahren noch so lebendig sind.