Gli Uccellatori im Köln, Oper

Nach gut 200 Jahren neu präsentiert

Den (leider keineswegs Vergangenheit gewordene) Beruf des Vogelfängers kennen Opernfreunde durch Mozarts Papageno. Er äußert sich über sein Tun nur so weit, dass er den Damen der Königin der Nacht seine Ware übergibt und dafür verköstigt wird. Alles mit „Heißa, Hopsasa“. Bei Florian Leopold Gassmanns Gli Uccellatori sind es gleich drei Vertreter dieses Berufszweiges, und dass die von ihnen gefangenen Vögel im Kochtopf landen, verschweigt Carlo Goldonis Libretto keineswegs. Doch auch in diesem „dramma giocoso“ verliert sich unangenehmer Beigeschmack irgendwann. In der Inszenierung von Jean Renshaw tragen Cecco, Pierotto und Toniolo, deren Namen mit Vogelarten gleichgesetzt sind, lediglich leere Blechtöpfe mit sich herum; ab und zu schweben Federn durch die Luft. Primär geht es ohnehin um gewagte Flirts und besitzergreifende Liebe.

Florian Leopold Gassmann ist für heutige Musikfreunde vermutlich eine weitgehend unbekannte Größe. Eine Größe war er jedoch zu Lebzeiten, trat als Komponist für das Ballett beispielsweise in die Fußstapfen Glucks, nahm später den jungen Antonio Salieri unter seine Fittiche. Mit nur 45 Jahren starb Gassmann an den Spätfolgen eines Unfalls. Die Uccellatori wurden 1759 in Venedig uraufgeführt und 1768 nach umfänglicher Bearbeitung in Wien nachgespielt. Anschließend verschwand das Werk im Archivdunkel der Österreichischen Nationalbibliothek. Dass die Noten dort wiederentdeckt und ans Tageslicht befördert wurden, ist dem Projekt „Opera buffa in Wien 1763-1782“ am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien zu danken. Die Kammeroper der Stadt nahm 2015 eine szenische Wiederaufführung in Angriff, welche jetzt nach Köln übernommen wurde.

Man könnte die Handlung erzählen, man kann es aber auch lassen, denn ihr Quiproquo ist Buffostandard. In Sachen Liebe findet jeder Topf sein Deckelchen, nur Pierotto geht leer aus. Das ganze Kreuz-und-Quer ist nett gestrickt, aber nur bedingt aufregend. Gassmanns Musik gibt sich standardmäßig gefällig, wirkt aber nur begrenzt stimulierend. Gianluca Capuano tut allerdings das Menschenmögliche, um die Partitur mit dem kleinbesetzten Gürzenich-Orchester flott zu bekommen. Die benutzte Wiener Fassung ist dadurch im Vorteil, dass auch Bläser mitspielen (in Venedig gab’s nur Streicher). An einer Stelle ahmt die Piccoloflöte auf hübsche Weise das Zwitschern von Vögeln nach.

Die greifbaren Pressestimmen zur Wiener Aufführung waren allseits positiv. Der hier zeichnende Rezensent empfindet die ersten beiden Uccellatori-Akte als bestenfalls nett. Doch im Finalbilde nehmen sowohl die Musik als auch die Inszenierung auf einmal Fahrt auf, mächtige Fahrt sogar. Im Orchester blitzt auf einmal echtes Buffo-Brio auf (was Gianluca Capuano nachdrücklich herausarbeitet), und die Regie findet nun zu wirklich witzigen Spieldetails. Selbst der Tänzer (Martin Dvorák aus der Wiener Produktion), welcher zuvor mehr als leicht lästig wirkender Lückenbüßer bei Handlungsstillstand wirkt, gewinnt nun dramaturgisches Format. Mit sparsamer Ausstattung (ein mit Ornamenten versehener Truhendeckel als geschrägte Spielfläche, einige Wanddekors), aber umso üppigeren Kostümen sorgt Christof Cremer für einen sehr soliden Spielraum.

Für „gestandene“ Sänger wären die Rollenprofile von Gassmanns Oper vermutlich etwas bescheiden, umso ergiebiger hingegen für den national breit gestreuten Nachwuchs im Kölner Opernstudio, welcher sowohl vokal als auch darstellerisch einen wirklich exzellenten Eindruck macht. Der türkische Bassist Yunus Schahinger (Pierotto) freilich hätte noch etwas an sich zu arbeiten. Als edle, erotisch gleichwohl vibrierende Contessa Armelinda singt sich die Georgierin Maria Kublashvili in sopranige Sonnenregionen hinein, mit nur wenig Abstand gefolgt von der Spanierin María Isabel Segarra als Mariannina. Sara Jo Benoot aus Belgien wartet als Roccolina mit vehementer Mezzo-Vitalität auf. Die Koreaner Hoeup Choi (Cecco) und Young Woo Kim (er wartet als Toniolo mit einem hohen D auf, wenn recht gehört) beweisen einmal mehr, dass dieses fernöstliche Land über ein unglaubliches Reservoir an begabten Sängern verfügt. Stimmen und Bühnenspiel der beiden sind top. Der Schweizer Dino Lüthi dürfte bald ins „große“ Ensemble wechseln. Sein kraftvoller wie geschmeidiger Tenor prägt jetzt den Marchese Riccardo nachdrücklich.