Manon im Köln, Oper

Tragische Liebesgeschichte, faszinierend erzählt

Zwei Momente prägen sich bereits vor der Aufführung von Massenets Manon ein. In der Eingangshalle sitzt ein Double der Titelfigur in einfacher Kleidung an einem „petit table“, ein Akkordeonspieler (Marko Kassl) intoniert die wehmütige Musik der Arie quasi leitmotivisch, ist mit ihr schon vorher durch das Foyer gewandert. Ein Regieakzent von Johannes Erath, welcher die fraglos flatterhafte Manon sogleich mit Traurigkeit umgibt, korrespondierend zum letalen Finale. Im Zuschauerraum fällt der Blick auf die cinemascope-breite, noch vorhangverschlossene Bühne von Herbert Barz-Murauer, wie sie nur im Staatenhaus zu ermöglichen war. Hier punktet die Interimsspielstätte der Kölner Oper also gewaltig und setzt die oft geäußerte Kritik an diesem Haus für diesmal außer Kraft.

Nach beiden Seiten gedehnt auch der Orchestergraben, was zumindest am Beginn der Aufführung dem Zusammenspiel der Gürzenich-Musiker und der Klanghomogenität etwas abträglich scheint. Im weiteren Verlauf der erlebten zweiten Vorstellung glättete sich das unter Claude Schnitzlers sorgsamer und souverän steuernder Leitung. Besondere Aufmerksamkeit des Dirigenten gilt den feingetönten Pianopassagen, wo Massenet emotional womöglich noch stärker in die Tiefe wirkt als Puccini in seiner stoffgleichen Oper.

Massenets Manon wurde nach 1945 in Köln niemals gegeben, wohl hingegen Werther (1982, mit Luis Lima als Debütant in der Titelrolle, dazu Kathleen Kuhlmann), Cendrillon (1986) und Don Quichotte (2002). Aber auch um das Puccini-Pendant ist es aufführungsstatistisch nicht eben gut bestellt. Für das Schließen der Massenet-Lücke ausdrücklicher Dank, welcher sich im Begeisterungsbeifall des Publikums niederzuschlagen schien.

Es gibt nun freilich auch viel Attraktives zu sehen, zu viel sogar, wie einige Premierenrezensionen meinten. Inszenatorische Üppigkeit ist durchaus einzuräumen, muss aber nicht als Überfülle verstanden werden. Und was Johannes Eraths Regie mit ihren optischen Mitteln der Oper an Dringlichkeit erschließt, ist einfach bestechend.

Selten wirkt ein Transfer von originärer Handlung in die Gegenwart so plausibel wie in Köln; Kostümbildnerin Gesine Völlm hat mit ihren unaufdringlichen Kreationen großen Anteil daran. Barz-Murauers Bühne mit ihren Schiebewänden und Vorhängen legt sich nicht realistisch fest, wird dabei konzeptionell von den Videos Bibi Abels unterstützt, welche die die nicht eben tiefe Szene mitunter regelrecht entgrenzen.

Erath wiederum bietet prägnant ausgearbeitete Einzelszenen, doch grundsätzlich hält sich seine Inszenierung von Realismus fern. Mitunter friert er den (von Sierd Quarré perfekt einstudierten) Chor in seinen Bewegungen ein, um dafür eine Szene der Solisten (auch mit Licht) hervorzuheben. Auch bei diesen reicht häufig reduzierte Gestik oder ein Körperschwanken aus. Aber diese Reduktion wirkt nie als Rampenverlegenheit, sondern als kunstvolle Bildformulierung. Zurückhaltung kennzeichnet auch die Begegnungen von Manon und Des Grieux. Sicher gibt es Momente körperlicher Leidenschaft, aber das Kennenlernen der beiden und ihr spätes Wiederfinden spielt sich auf Distanz ab. In vielen Bildern steckt dazu ein starker Symbolwert, etwa wenn Manon im dritten Akt auf einer riesigen Parfümflasche herein gefahren wird, die Entgegennahme der rauschhaften Verehrung durch die Menge aber zuletzt einer doubelnden Tänzerin überlässt. Ein nochmaliges Arienzitat des Akkordeonspielers (nun inmitten des Orchesters) unterstreicht die Absicht des Regisseurs, die divergierenden Charakterzüge Manons neu zu gewichten. Ein musikalisch noch radikaleres Intermezzo bildet das Manon-Chanson von Serge Gainsbourg, welches in einem fast schon schmerzlichen Attacca die beiden letzten Akte verklammert.

Das Liebespaar in Massenets Manon lässt sich wohl kaum besser besetzen als in Köln. Die Tschechin Zuzana Marková verfügt über einen souverän geführten Sopran mit Durchschlagskraft bis hin zum mehrfach geforderten hohen D. Aber auch ihr Innigkeitsausdruck besticht ungemein. Hinzu kommt eine eminent attraktive Erscheinung und ein differenziertes Bühnenagieren. Dem von Manon so vehement hingerissenen Des Grieux leiht der Brasilianer Atalla Ayan seinen geschmeidigen, leuchtkräfigen, wenn auch nicht übergroßen Tenor und macht die Zerrissenheit des jungen, so schnell und überschwänglich verliebten Mannes verstehbar.

Der leichtfertige Manon-Cousin Lescaut ist vielleicht nicht die ideale Rolle für den immer jungenhaft wirkenden Wolfgang Stefan Schwaiger. So engagiert er (bei leicht begrenzter Höhe) seine Partie auch singt, vom Typ her ist er nicht der intendierte Leichtfuß. Da bieten John Heuzenroeder und Insik Choi als Lebemänner Guillot und Brétigny markantere Rollenprofile. Mit machtvollem Bariton und starker Autorität füllt Nikolay Didenko seine Auftritte als Graf Des Grieux aus. Menna Cazel, Marta Wryk und Dara Savinova geben mit angemessener Koketterie Manons Freundinnen Poussette, Javotte und Rosette.