Julietta im Wuppertal, Theater

Fremdartig aber reizvoll

Eine fraglos nicht leicht zugängliche Oper, diese Julietta von Bohuslav Martinu. Wenn im Programmheft der aktuellen Wuppertaler Produktion vom „international repertoirebeständigsten Bühnenwerk“ des tschechischen Komponisten gesprochen wird, regen sich erhebliche Zweifel. Eher möchte man diese Formulierung auf die Griechische Passion anwenden, selbst wenn dieses Werk seinerseits eine Rarität bleibt. Wuppertal hat sich ihr vor einigen Jahren gewidmet. Nun also die Premiere von Julietta vor einem das Auditorium nicht zu Gänze füllenden Publikum. Die finale Begeisterung wirkte zwar ein wenig angestachelt, war aber verdient und bewirkt hoffentlich in eine erfolgreiche Mundpropaganda für kommende Aufführungen.

Martinu war ein Freund von irrealen, traumgebundenen Sujets. In dem Drama Juliette ou la clé des songes von Georges Neveux fand er einen für ihn optimalen Stoff. Die Opernversion (eigener Text, Personalverknappung) entsprach voll und ganz den Intentionen des Dramatikers, welcher am Misserfolg seines Schauspiels sehr gelitten hatte. Über die von Martinu stark komprimierten Rollen hinaus bietet die Wuppertaler Aufführung diverse Mehrfachbesetzungen, welche angehen – mit einer Ausnahme allerdings. Ralitsa Ralinova muss neben der Titelfigur auch den episodalen Auftritt der „alten Dame“ übernehmen, ohne dabei ihre ausufernde Frisur abzulegen. Das bringt die Rollenpsychologie etwas durcheinander. Aber ein „Durcheinander“ ist bereits werkbedingt. Es soll also erst gar nicht versucht werden, die vielen irrealen Begebenheiten zu referieren und aufeinander zu beziehen. Sie sind nun mal sprunghaft gereiht und werden auch durch die Übertitel nicht unbedingt verständlicher. Irgendwann lässt das Auge auch von ihnen ab, um sich lieber der fantasievollen Inszenierung Inga Levants zu widmen.

So viel immerhin an inhaltlichen Hinweisen. Der Buchhändler Michel hat sich vor Jahren in Julietta verliebt, welche ihn mit betörendem Gesang becircte. Nun ist er unablässig auf der Suche nach der von ihm idealisierten Frau, ähnlich wie Fritz in Schrekers Der ferne Klang oder Paul in Korngolds Die tote Stadt. Dabei begegnet Michel Menschen, die ihr Gedächtnis eingebüßt haben und in Traumwelten leben. Obwohl durch persönliche Erlebnisse nachdrücklich gewarnt ist Michel gewillt, für ein erotisches Phantom seine bisherige Bodenständigkeit aufzugeben. Die realitätsvage Geschichte könnte von Neuem beginnen.

Martinus Tonsprache ist deklamatorisch geprägt, die Musik wird sogar immer wieder von Sprechdialogen zäsiert. Erkennbar sind Einflüsse der mährischen Folklore, ein Impressionismus der Nach-Debussy-Ära sowie Prinzipien der neoklassizistischen Ästhetik, wie sie von der Pariser „Group de Six“ vertreten wurde. Martinu wagt zwar die eine oder andere harmonische Schwelgerei, vorherrschend ist bei ihm allerdings ein leicht sprunghaftes, leicht skurriles Idiom, welches die Bühnenvorgänge stimmig illustriert. Diese Farbpalette kostet Johannes Pell mit dem Sinfonieorchester Wuppertal effektvoll und differenziert aus.

Inga Levants Regie zeichnet sich durch fantasievolle Bildideen aus, für die man freilich nicht immer gleich eine Begründung zu finden imstande ist. Aber der Zuschauer lässt sich, so jedenfalls der Premiereneindruck, von dem schizophrenen Geschehen gerne vereinnahmen, erfreut sich auch an vielfältigen, teilweise witzigen Details, an den Masken, den Kostümen und der Szenerie. Sie zeigt ein weitläufig bespielbares Areal, umgeben von nüchternen Wohnzellen. Ein künstlicher Baum bietet nicht zuletzt couleur locale für den zweiten Akt (Waldfest), aus einem einsamen Grammophontrichter die seine vielen stimmungsprägenden Echos zu kommen. Es steht noch ein ausgiebig benutztes Klavier auf der Bühne, ein Rondell dient für Julietta als Hubpodium. Dem Auge wird während er dreistündigen Aufführung also viel geboten, wahrscheinlich sogar zu viel, um beim ersten Sehen in Gänze wahrgenommen werden zu können.

Der vielseitigen, vor allem als Gilda bestens erinnerlichen Ralitsa Ralinova ist die Titelrolle anvertraut. Der Sängerin gelingt es überzeugend, mit ihrem jugendfrischen Sopran zwischen Traum und Realität zu navigieren, psychische Geheimnisse spürbar werden zu lassen. Sangmin Jeon ist als Michael mit seinen etwas schmalen und erotisch sicher nicht eben vibrierenden Tenor ein interessanter vokaler Kontrast: Bodenständigkeit kontra irreal geprägte Sehnsucht. Wie er mit weltfremder Naivität durch das eigentümliche Geschehen „stolpert“, macht sein Rollenporträt, darstellerisch bestens gestützt, außerordentlich sympathisch. Bei Catriona Morison, Simon Stricker, Sebastian Campione Und Christian Sturm ist starke Bühnenpräsenz zu erleben, auch wenn ihre Mehrfachrollen für besondere Profile nur bedingt Gelegenheit bieten.