Cendrillon im Theater Münster

Liebesgeschichte zweier einsamer Seelen

Es gibt Opernfreunde, die reisen durch ganz Europa, um keine Inszenierung von Jules Massenets Aschenputtel-Oper Cendrillon zu verpassen. Mit riesigem Erfolg 1899 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt und danach zunächst auf vielen französischen Bühnen einstudiert, geriet das Werk später in Vergessenheit. Seit den 1980er Jahren findet es sich aber von New York und Brisbane bis Brüssel und London immer öfter auf den Spielplänen großer Opernhäuser. In Deutschland brachte die Komische Oper Berlin Cendrillon 2016 heraus. Nun wagte sich das Theater Münster als eine der bisher wenigen kleineren Bühnen an die musikalisch anspruchsvolle, lyrisch-melancholische Delikatesse.

Regisseur Roman Hovenbitzer verlegt die Handlung des sozialkritischen Volksmärchens in die Welt des Kinos. Die High Society feiert die Premiere einer Bollywood-kitschigen Schnulze in Anwesenheit der Hauptdarsteller. Alles drängt sich um den Star und hofft beim anschließenden Empfang auf die persönliche Annäherung - auch die Familie des Kinobesitzers. Nur Lucette, dessen Tochter aus erster Ehe, muss zurückbleiben, um den Vorführraum von Popcorn-Bechern, Einkaufstüten und Staub zu reinigen. Erschöpft schläft sie danach auf dem roten Teppich ein und träumt Aschenputtels Traum vom großen Glück an der Seite ihres Herzensprinzen. Aus der Leinwand steigt die Fee, die - assistiert von sechs guten „Geistern" - Lucette herausputzt und dann auf einer Kinosaal-Reihe wie eine triumphierende dea ex machina in den Trubel des Festsaals schiebt. Ihre gläsernen Schuhe bewirken, dass niemand diese verachtete „Blume der Unschuld" erkennen kann. Realität und Fantasie verschwimmen.... bis Lucette und der noch immer als Märchenprinz kostümierte schwermütige Filmstar zueinander finden, begleitet vom Frauenchor aus dem Off wie zu Wagners "Treulich geführt...". Denn wenn die Zusage, „alles ist möglich" wahr werden soll, muss der Chor der Geister schon versichern: „Wir wollen euch in das Reich der Fantasie führen".

 Auf den ersten Blick schlüssig, ist das Konzept des Regisseurs doch ziemlich umständlich umgesetzt, aufwendig mit Leinwand, Vorhängen, Videos - Kino- und Festsaal von Bernhard Niechotz möbliert. Wenig ansprechend wirken die Passfoto-starren Gesichter der Liebenden in Großaufnahme. Opernsänger sind doch keine Kinostars!

Anders als Rossinis federleichte komische Oper La Cenerentola, Walt Disneys süßlicher Zeichentrickfilm Cinderella oder auch Sergej Prokofjews lautmalerisch komponiertes Ballett Cinderella überwiegt in Massenets Musik und Henri Cains Libretto die düstere Melancholie. Aber allzu behäbig, schleppend und grob tönt es aus dem Orchestergraben, wo Stefan Veselka das Regiment über das Sinfonieorchester Münster führt. Die feinen Zwischentöne Massenets kommen nur gelegentlich wie Echos aus der Traumwelt des Films vom Band über. Wunderbar delikat allerdings klingen Flöte und Harfe im Duett aus den Kulissen und dem Graben.

Nicht zuletzt begeistert diese Oper durch berückende lyrische Passagen, die wiederholt an Léo Delibes' Lakmé und Wagners erotisch lockende Parsifal-Blumenmädchen erinnern - ergänzt durch überirdische Koloraturen der Fee. Kathrin Filip leiht Aschenputtels „Patin" ihre zauberhafte Gestalt. Große Arien wie gleich die erste angesichts der schlafenden Lucette "Ah, douce enfant!" (Ah, süßes Kind!) klangen bei der Premiere allerdings noch ziemlich unpräzise.

Auch Henrike Jacob macht mit ihrer zierlichen Gestalt beste Figur in der Titelrolle. Schön gelingen ihr vor allem die Arie „Oh, wie glücklich sind meine Schwestern!" und die Duette mit ihrem Vater Pandolphe (Gregor Dalal) und dem Prinzen. Der ist, anders als von Massenet vorgesehen, mit dem etwas steifen Tenor Youn-Seong Shim besetzt anstatt als Hosenrolle mit einem Mezzosopran wie Lucette. Schrill gibt sich in köstlich aufgedonnerter Garderobe und Frisur Suzanne McLeod (Madame de la Haltière, Lucettes Stiefmutter) mit ihren Töchtern Noémie (Kristi Anna Isene) und Dorothée (Christina Holzinger). Ein Conférencier (Grégory Moulin) erinnert ab und an daran, dass hier kein Märchen erzählt wird, sondern die Liebesgeschichte zweier einsamer Seelen bei einem Kino-„Event."

Kuriosität am Rande: just zur selben Zeit wie die Münstersche Premiere von Massenets Cendrillon-Oper ging im Jugendstiltheater Hagen Prokofjews Cinderella-Ballett über die Bühne (theater:pur bericht hier).