Liberazione im Wuppertal, Theater

Eine Oper schrumpft auf App-Format

Steif und verzopft sind die Aufführungsformen in der klassischen Musik, wenn man vielen Musikvermittlern und Education-Experten Glauben schenkt. Was sich über Jahrhunderte entwickelt hat, um der Musik, den Ausführenden und dem Publikum beste Bedingungen zu gewähren, soll nur mehr ein hoffnungsloser Anachronismus sein: das regungslose Sitzen im Parkett schreckt angeblich junges Publikum ab, die räumliche Kluft zwischen Bühne und Zuhörern trägt demnach zu Distanz und Entfremdung bei. „Man muss das Konzert verändern, wenn man es erhalten will“, postulierte der Kulturbetriebsexperte Martin Tröndle mit Blick auf die wachsende Zahl ergrauter Köpfe im Publikum. Heerscharen von Kulturmanagern und Musikvermittlern beten diese Kernthese aus seinem Essayband „Das Konzert“ seither nach, als böte sie einen Ausweg aus der immer wieder prophezeiten, bislang aber nicht eingetretenen Krise der Klassik.

Rituale aufzubrechen und die Gattung der Oper aus Konventionen zu befreien, hat sich auch das fünfköpfige Musiktheaterkollektiv AGORA vorgenommen. Mit Regisseur Benjamin David an der Spitze hat das Kollektiv in Wuppertal eine Oper von Francesca Caccini in Szene gesetzt: La Liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alicina, uraufgeführt 1625 in Florenz, ist die erste Komposition einer Frau auf dem Gebiet des Musiktheaters. Sie steht beispielhaft für die plötzliche musikalische Emanzipation von Norditalienerinnen, zu denen auch die Madrigalistinnen Barbara Strozzi in Venedig und Maddalena Casulana in Verona gehörten. Während diese Komponistinnen Aufträge erhielten und von ihrem Umfeld unterstützt wurden, waren Nicht-Italienerinnen zu dieser Zeit von der Komposition zeitüblicher Kunstmusik ausgeschlossen.

In einem Prolog und zwei Akten vertonte Caccini die Geschichte von der Befreiung des Ruggiero aus dem Bann der schönen Zauberin Alcina, die auf ihrer Insel jeden in Pflanzen oder Tiere verwandelt, der sich ihrem Liebesregiment widersetzt. Georg Friedrich Händel griff diesen Stoff 1735 ebenfalls auf. In Wuppertal schrumpft Caccinis wichtiger Markstein in der Geschichte der europäischen Oper auf App-Format. Zur Vorstellung mit dem verkürzten Titel Liberazione laden sich die Besucher ein gleichnamiges Programm auf die mitgebrachten Tablets und Smartphones herunter, das sie in den folgenden 70 Minuten durch das Geschehen führen soll. Technisch versierte Mitarbeiter stehen im Foyer bereit, um bei Problemen zu helfen. Man möchte sich die Augen reiben: Der italienische Frühbarock erhält IT-Support.

Das Parkett ist an diesem Abend nur mehr ein Sammelpunkt, von dem aus die Zuschauer über eine Brücke auf die Bühne geführt werden. Dort sollen sie die Aufführung als installative Situation in unmittelbarer Nähe zu den Sängern und Musikern erleben. Drei Live-Kameras ermöglichen per Klick auf den Bildschirm den Perspektivwechsel zwischen den drei Hauptfiguren Alcina, Ruggiero und Melissa. Was nach einem interessanten Experiment klingt, das Rezeptionsgewohnheiten durchbricht, ist in der praktischen Umsetzung mit so vielen Mängeln behaftet, dass Caccinis Meisterwerk massiv davon überschattet wird. Einmal auf die Bühne geführt, respektive auf Alcinas Insel, tappen die Besucher in einem halbdunklen Labyrinth aus Vorhängen herum und starren auf die leuchtenden Bildschirme ihrer mobilen Endgeräte. Viel mehr als gräuliche Schatten sind freilich nicht darauf zu erkennen. Manche Überwachungskamera an U-Bahn-Stationen würde die in Wuppertal gelieferte Bildqualität womöglich übertreffen. So merkt man die Absicht, aber auch die Kärglichkeit der Mittel.

Die Übertitel, die in einer normalen Opernvorstellung zuweilen durchaus auch hängen bleiben, funktionieren auf der App so schlecht, dass es müßig wird, die Handlung verfolgen zu wollen. Es ist bereits Multitasking genug, sich auf der Bühne zurecht zu finden und zwischen dem Bildangebot der App und eigenen Sinneseindrücken hin und her zu wechseln. Mit der angeblichen Nähe der Besucher zum Geschehen ist es auch nicht weit her. Zwar läuft ihnen immer mal wieder ein Sänger über den Weg, aber es dominiert das frustrierende Gefühl, die entscheidenden Momente des Spiels zu verpassen, weil man sich am falschen Ort befindet.

Was die mit fedrigem Kopfschmuck geschmückten Inselbewohner tun, welche Affekte Melissa, Ruggiero und Alcina treiben, bleibt reichlich obskur. Von einer „neuen sensorischen Erfahrung von Musiktheater“, wie Regisseur Benjamin David sie nach eigenem Bekunden angestrebt hat, kann überhaupt keine Rede sein. Das kühle Leuchten der Bildschirme treibt der Oper nach Kräften die Sinnlichkeit aus. Befreiung durch die Kunst? Mitnichten. In Wuppertal zeigt sich, was wir auch im Alltag zunehmend sind: gefügige Sklaven der Erzeugnisse des Steve Jobs.

In seltenen Momenten blitzt auf, welche Chancen in einer veränderten Aufführungssituation liegen. Wenn der Chor verdeckt vom Rang herab singt, wenn Stimmen wie aus dem Irgendwo an unser Ohr dringen und wir uns suchend im Raum drehen, um die Quelle der Musik zu entdecken, entsteht ein Moment der Irritation und des Raumklangs, der die Sinne herausfordert und betört. Der Zauber des Frühbarock wird vor allem dank der Musiker des Sinfonieorchesters Wuppertal spürbar, die unter dem präzisen und höchst engagierten Dirigat von Clemens Flick historische Lauteninstrumente wie die Theorbe oder Blasinstrumente wie den krumm gebogenen Zink spielen.

Großes Lob gebührt dem Gesangsensemble, das sich voll und ganz auf das Experiment einlässt und seine Scheu vor der ungewohnten Nähe des Publikums überwindet. Ralitsa Ralinova legt als böse Zauberin Alcina manch verführerisches Schmeicheln und manch zornerfülltes Beben in ihre Stimme. Joyce Tripiciano ist ihr als gute Fee Melissa mit dunkel gefärbtem Mezzosopran eine ernst zu nehmende Gegenspielerin. Als Ritter Ruggiero findet Simon Stricker helle Töne, teils zart und empfindsam, dann aber auch voller Kraft. Das Scheitern dieser partizipativen App-Oper ist wirklich nicht dem Ensemble anzulasten. Aber wenn dies tatsächlich das „Musiktheater 2.0“ sein soll, wie Benjamin David es in einem Interview formuliert, möchten wir uns an ein Wort von Eduard Hanslick anlehnen: Die Zukunft ist nicht darum zu beneiden.