Die Soldaten im Köln, Oper

Höllenritt in die Selbstvernichtung

Die Pauke dröhnt. Unerbittlich hämmert sie uns den Ton d in die Ohren, nahezu im Sekundentakt und mit verstörender Kraft. Wie eine Galeerentrommel treibt sie vorwärts, was uns als bestürzend amorphe Klangmasse entgegen schwappt: Es sind 80-stimmige Clusterakkorde, die sich in wechselnden Dichtegraden auftürmen und abschwellen, die mal Rotationsfelder, mal erratische Blöcke, mal gleißende Schlieren bilden. Vergebens sucht das Ohr nach Ordnung, nach einem Halt. Mit diesem katastrophischen Preludio beginnt Bernd Alois Zimmermanns 1965 in Köln uraufgeführte Oper Die Soldaten, die – flüchtig besehen – vom tragischen Abstieg der hübschen Bürgerstochter Marie zur Hure des Militärs erzählt, im Ganzen aber das Panorama einer heillos verrohten Welt zeichnet.

Diese Marie, im Kölner StaatenHaus von der Amerikanerin Emily Hindrichs verkörpert und gesungen, steht währenddessen in einer Art Käfig. Grell weißes Licht pulsiert auf ihrer Brust, schneidet ihre Herzgegend flackernd aus dem Halbdunkel der Szene, zeitgleich zu den Schlägen der Pauke. Der dafür zuständige technische Mitarbeiter mit der Stablampe ist nicht um seine Aufgabe zu beneiden, denn Zimmermann hat winzige Unregelmäßigkeiten in das Ostinato hinein komponiert. Um Millisekunden dröhnt die Pauke mal zu früh, mal erst nach einem kleinen Aussetzer. Marie hat Herzrhythmusstörungen.

So erregend, so entsetzlich elektrisierend geht der Premierenabend los, zu dem sogar Bettina Zimmermann gekommen ist, die Tochter des Komponisten. Es ist der Auftakt zu einer aufwändigen Produktion, mit der Köln den 100. Geburtstag ihres Vaters würdigt. 53 Jahre nach der von vielen Schwierigkeiten überschatteten Uraufführung wagt sich nun der Regisseur und Multimedia-Künstler Carlus Padrissa von der katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“ an Zimmermanns Mammutwerk, das so bewusst auf die Überforderung aller Beteiligten zielt, dass es zunächst als unaufführbar galt. Aber wie so manches vermeintlich unspielbare Werk, hat Zimmermanns visionärer Vierakter Karriere gemacht: Trotz Riesen-Orchesterbesetzung, trotz schwierigster Gesangspartien, trotz immenser Anforderungen an Raum und Szene gelten Die Soldaten heute als eine der meistgespielten Opern der jüngeren Vergangenheit.

Zimmermanns zentrale Idee ist die von der „Kugelgestalt der Zeit“, also vom simultanen Ablauf von Ereignissen, die eigentlich nacheinander stattfinden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander. Diese Pluralität der Zeitebenen und Ausdrucksformen verlangt nach einer Aufhebung der im Theater üblichen Bühnensituation. Im Kölner StaatenHaus findet das Publikum eine Sitzordnung vor, die an ein Planetarium erinnert. Die Besucher nehmen auf Drehstühlen platz, die Bühne läuft als kreisförmiger Steg um sie und das Gürzenich-Orchester herum. Begrenzt wird die schmale Spielfläche von einer hohen Rückwand, die als Projektionsfläche für wechselnde Videobilder dient. Was in den folgenden drei Stunden inklusive Pause an uns vorbei rauscht, ist eine atemberaubend albtraumhafte Collage aus Bildern und Klängen, die viel zu tief unter die Haut dringt, um bloß ein Event oder effektheischendes Multimedia-Spektakel zu sein. Wir erleben das hoch komplexe Meisterwerk eines vom 2. Weltkrieg traumatisierten Komponisten, der sich am 10. August 1970 das Leben nahm.

Carlus Padrissa konzentriert sich auf die virile Geilheit der Soldatensphäre und auf die Entwürdigung der Frauen zu Freiwild, um den inhumanen Zustand der Welt zu zeigen, den Zimmermann uns so wirkmächtig vor Augen und Ohren führt. Im doppelten Sinne verdichtet seine Regie das Werk zum Gewaltakt: Padrissa zeichnet nach, wie Maries schuldloser Untergang von falschen Schmeicheleien über die Vereinigung ohne Liebe bis zur brutalen Vergewaltigung führt. Diese wird zum Spiegelbild von Herrschaftsstrukturen, in denen letztlich alle gefangen sind. Denn auch die Männer werden missbraucht, verheizt für den Krieg. Das unerfahrene Kleinbürger-Mädchen, das nicht zufällig so heißt wie die Geliebte von Alban Bergs Wozzeck, hat in dieser Welt ohne Gnade keine Chance.

Die Kostüme von Chu Uroz sind ein detailreiches Fest fürs Auge. Sie tragen viel zur Charakterisierung der Figuren bei und setzen den Pluralismus des Werks fort, indem sie verschiedene Länder und Zeiten zitieren. Marie, in ihrem weiß-blauen Kleid einer hübschen Porzellanpuppe gleich, trägt bis zu den mit Spitze veredelten Schühchen die Farben der französischen Trikolore. Hauptmann Mary ist in einen Kilt gewandet, die Mutter des Offiziers Desportes, der Marie Liebe vorgaukelt und sie in Wahrheit nur benutzt, erscheint als Edelfrau aus dem Mittelalter. Der glücklose Tuchhändler Stolzius, der Marie so aufrichtig wie vergebens liebt, wirkt mit seiner Lederschürze wie ein Vetter von Hans Sachs.

Zum Mitfühlen laden weder Zimmermanns Musik noch Padrissas Inszenierung ein. Es geht um den klaren, schonungslosen Blick auf eine Endzeit-Vision. Per Video flimmern und flackern Feuersbrünste, Laboratorien und Haufen nackter Menschenleiber um uns herum, mal deutlich, mal zersplittert oder verschwommen. Wenn Marie dem Abgrund entgegen taumelt, scheint die Musik durch elektroakustische Zuspielungen förmlich zu explodieren. Wir hören Marschtrommeln, Stechschritt, Panzergeräusche, militärische Kommandos in vielen Sprachen. Dazu Gestöhn, Schreie, verzweifeltes Weinen, das „Vater unser“. Es gibt kein Entkommen. Wir sitzen mittendrin in diesem Pan-Akustikum, diesem Pandämonium. Voyeure und Beteiligte zugleich, sehen wir zu, wie die von Menschen gemachte Hölle auf die absolute Selbstvernichtung zutreibt.

Unvorstellbar, dass Musiker sich einst Atteste schreiben ließen, um die Uraufführung des Werks nicht spielen zu müssen. Wie viel sich seither verändert hat, zeigt das Gürzenich-Orchester Köln, das Zimmermanns hypertrophe Partitur unter der Leitung von François-Xavier Roth mit lässiger Selbstverständlichkeit stemmt. Die rund 100 Orchestermusiker senden heftige Erregungsschübe in unsere Nervenbahnen, entwickeln eine Wucht, die überwältigt und doch stets transparent bleibt. Im Raum verteilte Schlagzeuggruppen und eine fünfköpfige Jazz-Combo schaffen eine Kugel aus Klängen, die uns umschließt. Wie sehr Zimmermanns Soldatenstück in der Traditionslinie des Wozzeck steht, zeigen die Feinheiten der Partitur, die das Orchester in bestechend expressiver Sinnlichkeit aufleuchten lässt. François-Xavier Roth, der alles zusammen hält, beweist hier fürwahr eine sensible Hand.

Viele Dimensionen, auch die der Singbarkeit, schien diese Oper einst zu sprengen. Das Gesangsensemble, nicht minder souverän als das phänomenale Orchester, lässt das nahezu vergessen. Dabei sind zwei der Hauptfiguren nicht etwa Gäste, sondern fest in Köln engagiert. Ungeheuerlich, was Emily Hindrichs (Marie) an Höhensicherheit, gestochener Koloratur und darstellerischer Enthemmung vorführt. Martin Koch (Desportes) lässt seinen hellen, ungemein klaren Tenor in eitler Selbstgefälligkeit strahlen und setzt sich mit Leichtigkeit über haarsträubende Intervallsprünge hinweg – wie übrigens alle Sängerinnen und Sänger dieses Abends.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Frank van Hove als Galanteriehändler Wesener, Nikolay Borchev als Stolzius, Judith Thielsen als Charlotte, Sharon Kempton als irrwitzig koloratursichere Gräfin de la Roche, Wolfgang Stefan Schwaiger als Offizier Mary: Keiner, der seine Rolle nicht mit größtem Können und äußerstem Engagement erfüllte. Der im Programmheft formulierte Anspruch, sich Zimmermanns „Oper der Zukunft“ so weit wie überhaupt möglich annähern zu wollen, wurde im Kölner StaatenHaus grandios realisiert.