Die Zauberflöte im Theater Krefeld

In galaktischen Fernen

Krefeld/Mönchengladbach kann sich glücklich schätzen, dass ein so interessanter Regisseur wie (der ehemalige Tenor) Kobie Van Rensburg seit 2011 kontinuierlich am Gemeinschaftstheater der beiden Städte arbeitet. Für das Opernstudio entstanden sogar zwei Uraufführungs-Produktionen. Das Repertoire Rensburgs konzentriert sich auf Barock und Mozart. Auch Rossinis Barbier hat er mal auf die Bühne gebracht, und die Buffas gerade dieses Komponisten sollten Herausforderung für die Zukunft sein. Aber der südafrikanische Regisseur, welcher sich für die Oper nicht zuletzt auch in seinem Heimatland einsetzt (Umcolo Opera Incubator), möchte bei seinem Video-Stil jetzt erst einmal eine Pause einlegen. Die Krefelder Zauberflöte deutet an, daß dies eine angemessene Überlegung ist.

Damit soll bei Gott nicht eine Abwertung zum Ausdruck gebracht werden. Nein, der Unterhaltungswert des immerhin gut dreistündigen Abends ist wieder enorm hoch. Allerdings wurde der Regisseur am Ende nicht gleichermaßen gefeiert wie das Sängerensemble, und einige Stühle vor dem Rezensentensitz blieben nach der Pause leer. Dem Konzept van Rensburgs muss man in der Tat erst einmal grundsätzlich zustimmen können. Es klammert „höhere“ Bedeutungskriterien beispielsweise aus. „Ich will das Fantastische betonen und das Publikum mit einer modernen Umsetzung für die Oper generell begeistern.“

So hat sich Kobie van Rensburg für eine Science-Fiction-Inszenierung entschieden, wofür Mitauslöser für diese Idee gewesen sein könnte, daß die Raumsonde Voyager seit 1977 mit einer Arie der Königin der Nacht (gesungen von Edda Moser) durch den Weltraum fliegt, um mögliche Bewohner fremder Sterne mit Musik (und anderen Insignien unserer Zivilisation) zu konfrontieren. Kurzum: van Rensburg erzählt die Zauberflöte als Fantasy-Geschichte. Der Kampf zwischen Gut und Böse bleibt erhalten, steht ja wohl auch in außerirdischen, falls belebten Gefilden zu vermuten. Die Charaktere von Sarastro und Königin der Nacht müssen in Krefeld also nicht „korrigiert“ werden.

Auch die anderen Figuren behalten letztlich ihre bekannte Typik, werden vom Regisseur halt nur galaktisch eingekleidet (Steven Koop hat mitgeholfen). An ein traditionelles Outfit erinnert noch am ehesten Sarastro mit wallendem Mantel und salbungsvoller Diktion (Matthias Wippich geht seine Partie energisch und mit Würde an, singt pastos). Am schwersten tut man sich damit, in dem sportweißen, enganliegenden Hosenanzug Mozarts Pamina auszumachen. Ihre Arie „Ach, ich fühl’s“ vermittelt jetzt kaum etwas von der existenziellen Herzenstraurigkeit des Mädchens. Die einwandfreie, klarlinige Interpretation von Sophie Witte vermag daran nichts zu ändern.

Der Machtkampf zwischen Königin und Sarastro (Text im Programmheft: „Einst in inniger – Gerüchte meinen: allzu inniger – Freundschaft verbunden“) erhält einen besonderen Akzent dadurch, daß Sarastros Regentschaft von den Eingeweihten nur noch bedingt anerkannt und akzeptiert wird. Vor allem der Sprecher (Alexander Kalina aus dem Opernstudio, in späteren Aufführungen auch Papageno) entwickelt einen fast handgreiflichen Oppositionsgeist. Diese Idee hätte eine Weiterführung verdient. Das Finale wird mit „Ende gut, alles gut“ übertitelt. Alle Mitwirkenden vereinigen sich zu einer glückstrahlenden Beifallsreihe, die Queen schließt ihre verstoßene Tochter wieder in die Arme.

Der Zuschauer kann sich an mit Bluescreen-Technik verlebendigten, exterrestrischen, dabei mitunter leicht verrückten Bildern satt sehen (etwa Paminas und Papagenos Duett in einem brausenden Flugzeug). Bei den Papageno-Auftritten darf aber auch heile Natur ironisch mitspielen. Wobei gleich zu sagen ist, daß der superschlanke Rafael Bruck mit roter Irokesenfrisur und lebendigem Gesang ein wirklich hinreißender und liebenswerter Rolleninterpret ist. Bemerkenswert sein Minenspiel während Paminas „Ach, ich fühl’s“.

Dirigent Diego Martion-Etxebarria setzt auf sehr flüssige Tempi. Nichts Weihevolles, sofern nicht durch die notierte Musik unmißverständlich vorgegeben. Gleich die Ouvertüre gerät zu einer perfekten Nummer. Lange hat man die Niederrheinischen Sinfoniker nicht derart konzentriert und spielvirtuos gehört. Der Chor (Michael Preiser) schlägt sich einwandfrei. Bei der Feuer- und Wasserprobe verstärken die Herren den Gesang von Kalina und James Park.

David Esteban, aus Ecuador stammend und frisch im Ensemble, bietet einen etwas schmalen Tamino-Tenor, welcher in der Höhe aber zu klangvoller Expansion fähig ist. Die Königin der Nacht begleitet Judith Spiesser (a.G.) seit ihrem Debüt im arabischen Katar, kein Wunder bei ihrer perfekten Beherrschung der schwierigen Partie. Daß die Dolchübergabe an Pamina mit männlicher Grabesstimme aus der Maske erfolgt, ist übrigens ein etwas überflüssiger Gag. Die quirlige Gabriela Kuhn (Papagena), das leicht frivole Damen-Trio (Panagiota Sofroniadou, Susanne Seefing, Eva Maria Günschmann), die drei Knaben (Fiona Desirée Lang, Charlotte Langner Und Noemi Zachowski mit unterschiedlich bunt geschminkten Gesichtern) und Markus Heinrichs als etwas kleinstimmiger Monostatos ergänzen das Ensemble. Trotz erhobener Einwände: an dem großen Erfolg der Aufführung ist nicht zu rütteln.