Xerxes im Oper Bonn

Commedia dell’arte richtet‘s

Bei der Londoner Uraufführung 1738 war Serse (Xerxes) mehr oder weniger ein Reinfall. Erst seit den Händel-Festspielen 1924 in Göttingen bekam das Werk neuen Aufwind. Angesichts heutiger Beliebtheit, zu welcher das „Ombra mai fu“ („Largo“) sicher etwas beigetragen hat, ist das nur schwer nachzuvollziehen. Deswegen sollte dieses historische Faktum erwähnt sein.

Die Bonner Oper hat in der Vergangenheit viel für Händel getan. Zu Beginn des jetzigen Jahrhunderts wurden gleich drei Oratorien (!) für die Bühne adaptiert. Neben Belsazar und Jephta war es vor allem Saul, welchen Dietrich Hilsdorf überaus zwingend inszenierte und dabei eine historisierende Ausstattung zuließ. Für den Rezensenten gehört diese Aufführung zu den wirklich maßstäblichen Leistungen im Bereich des Musiktheaters. Natürlich wäre es falsch, nun bei Xerxes eine Stilfortsetzung zu erwarten. Auch die theatralisch explodierende Produktion von Komischer Oper Berlin/Deutscher Oper am Rhein (Inszenierung: Stefan Herheim, welche im Januar übrigens in Düsseldorf wiederaufgenommen wird, muß nicht das Maß aller Dinge sein.

Als Regisseur wurde für Bonn Leonardo Muscato gewonnen. Intendant Bernhard Helmich engagierte ihn spontan, nachdem er von ihm in Turin eine Vivaldi-Oper gesehen hatte. Obwohl ein vielseitiger und versierter Mann im Bereich Schauspiel und Oper (demnächst Debüt beim Film), räumt Muscato freimütig ein, daß ihm Xerxes belang nicht vertraut war, er sich das Werk also von Grunde auf erarbeiten mußte. Vielleicht hat das seinen interpretatorischen Ehrgeiz sogar besonders angestachelt, wobei er „Effekthascherei“ generell ablehnt. Unter diesem Stichwort möchte er auch seine Florenzer Carmen nicht verbucht sehen, die Schlagzeilen machte, weil hier Carmen José ersticht, nicht umgekehrt.

Bei Xerxes bedeuten die historischen Vorgaben (Persien anno soundsoviel) für Muscato kein Muß. Für ihn geht es einfach darum: wer mit wem. Von irgendwelchen Heldentaten des Königs ist ja auch nirgendwo die Rede. In der Oper ist er einfach nur ein geiler Bock, um es drastisch auszudrücken. Das „Ombra mai fu“, die Eingangsnummer der Oper, mag zwar für eine unterschwellige Sehnsucht stehen, doch das ist mit dieser Nummer abgehakt. Wie Xerxes nämlich ungeniert und rabiat seine Machtbefugnisse ausnutzt (u.a. fordert er diverse Morde), macht ihn schon reichlich unsympathisch. Dass er sich am Ende wieder seiner Verlobten Amastre zuwendet, bedeutet ein Zu-Kreuze-Kriechen. Kein Signal neu entflammter Liebe also und somit absolut keine Glücksgarantie für die Zukunft.

Kurzum: dieser Xerxes ist ein ziemlicher Widerling und wohl nur mit inszenatorischen Mitteln erträglich zu machen, wie sie beispielsweise Leonardo Muscato anbietet. Ernutzt die Mittel der Commedia dell’arte. Ein Glücksfall, daß dem Regisseur dabei eine Luciana Mancinizur Verfügung steht. Die schwedisch-chilenische Mezzosopranistin ist auf barocke Musik spezialisiert (demnächst u.a. zwei Opern in der Inszenierung von Sasha Waltz), hat in Bonn aber auch Astor Piazzollas Maria de Buenos Aires verkörpert. Das vehement Karikaturistische in der Rollenzeichnung des Xerxes durch Muscato setzt sie vehement um. Mit Generalsuniform ausstaffiert wie ein kriegslüsterner Ayatollah (die bewußt farbunterschiedliche Kostümen von Katia Bottegal wären ein eigenes Thema) agiert die Sängerin mit hinreißend witziger Cholerik. Ein zudem vokal brilliantes Porträt, vom Publikum zu Recht vehement bejubelt.

Auch die anderen Sänger fügen sich virtuos in den ironisierenden Inszenierungsstil ein, bis hin zu den Chargenrollen eines Ariodate (Leonard Bernad) und Elviro (Martin Tzonev). Susanne Blattert, die schon in Saul mitwirkte, darf als Amastre seelische Verwundungen immerhin andeuten, aber das vergißt man beim „lieto fine“ rasch wieder. Die Mezzosopranistin ist weiterhin eine starke Bühnenperönlichkeit, gesanglich untadelig. Marie Heeschen als erotisch nimmersatte Atalanta trippelt kokett über die Szene und singt auch mit koketter Bravour. Die allseits begehrte Romilda gibt Louise Kemény als etwas tapsiges Girly. Ihr Volantkostüm ist hoch unter den Busen gezogen, was den Baby-doll-Eindruck verstärkt. Wenn es zuletzt einige Zentimeter tiefer hängt, wird Romilda als Frau aufgewertet. Toll die vokale Bravour der Sängerin. Etwas gedämpfter hat sich Kathrin Leidig als ihr Geliebter Arsamene zu äußern. Aber auch hier eine volle, schönstimmige Rollenkontur.

In seiner wirbeligen Inszenierung wendet Leonardo Muscato einen Trick an. Wenn jemand in die Hände klatscht, erstarren die anderen Personen zu Statuen. Diese witzige Idee, welche ständige Reaktionen eines Gegenüber überflüssig machen, wird allerdings reichlich ausgiebig genutzt. Das Bühnenbild von Andrea Belli besteht aus drei Wandsegmenten mit Durchlässen, welche unterschiedlich zusammengeschoben und durch überdimensionale Xerxes-Figuren ergänzt werden können. Einmal schauen aus den Torbögen riesige Tierköpfe heraus, denn Xerxes besitzt einen Privatzoo. Weiterhin verniedlichen viele kleine Wölkchen die Szene.

Trotz Mitwirkung von Cembalo und Langhalslaute wird aus dem Beethoven Orchester natürlich kein wirkliches Alte-Musik-Ensemble. Dennoch führt Rubén Dubrovsky seine Musiker zu einer stilsicheren, tempoflüssigen und animierten Interpretation. Bonner Musikfreunde erinnern sich wohl noch an sein Dirigat von Vivaldis Orlando furioso, außerdem ist er seit Jahren als musikalischer Leiter etlicher szenisch interpretierter Händel-Oratorien ein Begriff.