Il Barbiere di Siviglia im Dortmund, Oper

Figaro im Fluggeschirr

Gewohnt munter trällert er los: Figaro, Friseur und Faktotum von Sevilla, Tausendsassa und listenreiches Schlitzohr, schwillt in seiner Auftrittsarie schier der Kamm vor Eitelkeit. Wie hohl sein Imponiergehabe ist, wird diesmal freilich besonders evident. Der große Drahtzieher hängt in der Dortmunder Neufassung des Opernbestsellers von Gioacchino Rossini nämlich selbst an Strippen, baumelt wie eine Marionette an Gurten und Stahlseilen, die ihn kontinuierlich nach oben ziehen. Und so trippelt der berühmte Titelheld mit seltsam kleinen, der Erdenschwere enthobenen Schritten über die Bühne, schlenkert mit den Gliedern, schwingt wie ein Pendel hin und her.

Willkommen in der Dortmunder Puppenkiste, wo Martin G. Berger sämtliche Figuren des Barbier von Sevilla als fremdsteuerbare Wesen durch den Raum schweben lässt, die gleichwohl von Freiheit träumen, ja von Revolution. Der 31-jährige Regisseur, dessen Operetten- und Musicalinszenierungen mehrfach mit Auszeichnungen belohnt wurden, findet damit eine sinnreiche, optisch oft spektakuläre Entsprechung für die gut geölte Mechanik von Rossinis Komödie. Bunt und lebensprall wird das Spiel, weil Berger Rossinis Figuren eng an die Typen des italienischen Stehgreiftheaters anlehnt: Der Harlekin (Figaro), Colombina (Rosina), der Doktor (Bartolo) und andere begegnen uns als ironisch gebrochene Abziehbilder aus der Commedia dell’Arte.

Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter und die Puppenbauerin Rachel Pattison haben großen Anteil an dem kindlich unterhaltsamen Spaß, den dieser Abend bereitet. Hotters Kostüme verleihen den Darstellern ein objekthaftes Aussehen, zitieren mit der Lust an Übertreibung die Stilistik verschiedener Epochen und verlieren auch dann nicht ihren Sitz, wenn die Bühnentechnik die Körper weit in Richtung Schnürboden hinaufzieht. Mit welchen fantasievollen Figuren und Einfällen Rachel Pattison die Bühne in ein lebensgroßes Puppentheater verwandelt, soll hier nicht im Einzelnen verraten werden. Zu Schmunzeln und zu Staunen gibt es auch Dank ihrer Arbeit mancherlei. Die Bühne von Sarah-Katharina Karl darf darüber keinesfalls vergessen werden. Manch verspielte Blümchentapete setzt Rossinis Ironie das i-Tüpfelchen auf, während Sesamstraße und Muppetshow für den verrückten Laboraufbau des intriganten Musiklehrers Basilio Pate gestanden zu haben scheinen.

Als Erzähler führt Kammersänger Hannes Brock durch die Geschichte. Die deutschen Zwischentexte von Martin G.Berger, die er aus einem Buch vorliest, mögen zuweilen eine Spur zu lang und zu gedrechselt sein, ermöglichen es der Regie aber auch, Rossinis Oper als die Abfolge von Szenen und Ohrwürmern zu zeigen, die sie unter anderem ist. Der Wegfall der Rezitative richtet keinen größeren Schaden an. Einen nachgerade anarchischen Höhepunkt erreicht das Spiel im turbulenten Finale des 1. Akts, in dem alles so sehr aus dem Ruder läuft, dass die Figuren erst in Taumel, dann in stammelnde Erstarrung verfallen und der Erzähler in den Strudel der Ereignisse hineingerissen wird.

Was das Ensemble leistet, geht über das gewohnte Engagement wahrlich hinaus. Einfach grandios, wie die Sänger taumeln und trippeln, zappeln, schlenkern und – teilweise meterhoch – über dem Bühnenboden schweben. Alle werfen sich ins Fluggeschirr wie die Weltmeister und agieren wie die Brüder und Schwestern von Offenbachs singendem Automaten „Olympia“. Als bedeutete dies nicht schon Anforderung genug, wird dabei fast durchweg gut bis sehr gut gesungen. Der Südafrikaner Sunnyboy Dladla (nein, es ist kein Künstlername) besticht als Graf Almaviva mit lyrisch-strahlendem, beglückend elegant timbrierten Tenor. Petr Sokolov scheint sich in der Auftrittsarie des Figaro ein wenig zu sehr selbst unter Druck zu setzen, ist mit seinem klangschönen Bariton dann aber eine absolut verlässliche Bank. Aytaj Shikhalizada führt als durchtrieben-gewitzte Rosina die hohe Schule der Stimmbeweglichkeit eines koloraturgewandten Mezzosoprans vor. Morgan Moody (Dr. Bartolo) rasselt Rossinis Parlando-Stil mit rasanter Perfektion herunter. Und Denis Velev legt als intriganter Musiklehrer Basilio eine satte Portion behaglicher Selbstgefälligkeit in seine Stimme.

Die Dortmunder Philharmoniker leisten sich unter der Leitung von Motonori Kobayashi zwar ein paar Patzer in der Ouvertüre, finden dann aber mehr und mehr in Rossinis prickelnde Musik mit ihren Beschleunigungsschüben und Crescendo-Walzen hinein. Bald schon schnurrt der philharmonische Motor wie gut geölt. Auch die Bühnentechnik (Lothar Angel) kommt im Aktschluss vor der Pause ordentlich auf Touren und fährt aus, was die Theatermaschinerie so alles zu bieten hat.

Diese Dichte, dieses rasante Tempo erreicht Bergers Inszenierung im zweiten Teil des Abends nicht mehr. Das hat aber durchaus Methode, denn Graf Almaviva hat die Puppen kurz vor der Pause von ihren Fäden los geschnitten. Des gewohnten Halts beraubt, taumeln und stolpern die Figuren durch einen zerstörten Theaterraum, bis sie sich freiwillig wieder in die Seile einhaken. So führt die Regie ihr Konzept mit aller Konsequenz zu Ende: Die große Freiheit bekommt Rossinis Personal keineswegs. Die Revolution ist gescheitert.