Lohengrin im Bonn, Theater

Sie konnten zusammen nicht kommen

Als Jean-Claude Riber, vom Bund finanziell reich unterstützt, das Bonner Operngeschehen unter sich hatte (seit den achtziger Jahren), erlebte man (fraglos nicht ungerne) First-Class-Sänger am mittlerweile sichtbar in die Jahre gekommenen Haus. Ribers eigene Inszenierungen waren selten der Rede wert, allerdings gelang ihm das Engagement einer Reihe von interessanten Regisseuren. Zu ihnen zählte der junge Marco Arturo Marelli, welcher sich mit Falstaff und Madame Butterfly vorstellte. Jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, kehrte er für Lohengrin an den Rhein zurück, vom Publikum mit Recht begeistert gefeiert.

Der Beifall galt aber auch der musikalischen Interpretation, und da sollte der Name von Dirk Kaftan nicht auf das Ende der Rezension verschoben werden. Mit dem Beethoven-Orchester verwirklicht er Wagners nach wie vor narkotische Musik klangmagisch. Im zweiten Aufzug reißt er dämonische Abgründe auf, es schaudert den Zuhörer geradezu. Der von Marco Medved einstudierte verstärkte Chor des Hauses bietet eine Drei-Sterne-Leistung.

Marellis Inszenierung beginnt bereits mit dem Vorspiel. Was bei anderer Gelegenheit häufig als Störung empfunden wird, gerät bei ihm zu einer erzählerisch plausiblen Introduktion. Zunächst nimmt man die Bühne zur Kenntnis (von Marelli selber entworfen – das war auch der Fall bei dem 2001er Lohengrin, den Philippe Arlaud verantwortete), auf der begehbare Bretter wie Eisschollen geschichtet sind. Ihr dekorativer Sinn bleibt etwas undeutlich, könnte aber dem Effekt geschuldet sein, dass zu Beginn des dritten Aufzugs überdimensionale Speere vom Bühnenhimmel fallen und sich in den Boden rammen. Ein Sinnbild für den anstehenden Krieg gegen die Ungarn, mit welchem die uniformen Chorkostüme mitsamt der Stahlhelme von Ingeborg Bernerth korrespondieren.

Die „Erzählung“ beginnt damit, dass Elsa somnambul auf einem Stuhl kniet und sehnsuchtsvoll in die Ferne blickt. Auf einer runden Plattform im Hintergrund sieht man den Held ihrer Träume, nämlich Lohengrin, welcher an einem Flügel kompositorischen Inspirationen nachhängt und somit an Wagner denken lässt, eine Assoziation, welche Marelli in seinem Programmheftbeitrag umfänglich ausbreitet. Der Knabe Gottfried macht das Zeremoniell zunächst mit, wendet sich dann aber doch lieber seinem Bilderbuch zu und wird von der aus einer Versenkung aufsteigenden Ortrud „geködert“. Sie legt ihm ein Kettlein um den Hals, einige in die Luft geworfenen Federn symbolisieren die Verwandlung in einen Schwan. Eine Darstellung der Vorgeschichte ohne plakatives Schwergewicht. Das Bühnenbild bleibt gleich bis zum Schluss incl. des als Hort der Unschuld anzusehenden Bettes. Für den Brautzug werden allerdings noch an der Rückwand sakral geschmückte Stoffhänger hochgezogen.

Elsas transzendentale Sehnsucht und Lohengrins Erdenfahrt bilden die prägenden inszenatorischen Akzente der Bonner Aufführung. Das Aufeinandertreffen von Wesen verschiedener Sphären setzt Marelli in plastische, eindrückliche Bilder um, wobei Elsas leicht pubertäres Verhalten (von Anna Princeva alleine darstellerisch mit faszinierender Intensität umgesetzt) und der überraschend entflammten Eros des in fernen Welten zölibatär lebenden Schwanenritters mit Leidenschaft aufeinander treffen, belastet allerdings durch das fatale Frageverbot. Die intellektuellen Hintergründe für diese Situation formuliert Marelli im Programmheft. Visuell bietet er allerdings keine gedankenbohrende, abgründige Interpretation, was jedoch in keiner Weise Mangel bedeutet. Es ist vielmehr erfreulich, daß seine Regie nicht verkopft daherkommt und dem Zuschauer Raum für eigene Gedanken läßt.

Bemerkenswertes Detail in Marellis Inszenierung: bei der Ankunft Lohengrins wird die oft erlebte Peinlichkeit einer Schwanattrappe vermieden, vielmehr tritt ihm der entführte Gottfried entgegen. Dass Vergleichbares bei „Mein lieber Schwan“ fehlt, mag man bedauern. Dabei wäre eine Parallellösung durchaus denkbar. Gottfrieds finales Erscheinen aus Ortruds Versenkung ist ohnehin nicht der inszenatorische Weisheit letzter Schluß. Die Versöhnung von Elsa und Ortrud verläuft bei einem gemeinsamen Kaffeetrinken. Bei „In Früh versammelt uns der Ruf“ kommen die Mannen offenbar direkt von ihren nächtlichen Lagern, lediglich notdürftig bekleidet. Mit Hilfe ihrer Frauen zum Brautzug hergerichtet, zeigen sie unbändige Freude über das kommende Zeremoniell. Eine fast schon burleske Szene, welche aber nicht aufgesetzt wirkt.

Das Bonner Sängerensemble ist stark von russisch gebürtigen Künstlern durchsetzt. Pavel Kudinov gibt einen herrscherlichen König Heinrich ohne Baßdröhnen. Die darstellerischen Qualitäten von Anna Princevas Elsa wurden bereits angesprochen, die vokale Verve der Sängerin imponiert nicht minder. Baritonale Energie eignet dem Heerrufer von Ivan Krutikov. Aus Island stammt Tómas Tómasson. Er ist sicher kein primärer Schönsänger, was sich aber gerade bei dem von Ehrgefühlen zerfressenen Telramund zum Vorteil auswirkt. Auch dank seiner immensen Bühnenpräsenz entsteht ein starkes Rollenporträt mit vielen aufregenden gestischen Details. Dshamilja Kaiser führte sich in Bonn hinreißend mit Schoecks Penthesilea ein. Nicht weniger hinreißend gestaltet sie nun die Ortrud. In der Regel erlebt man diese dämonische Frau von hochdramatischen Stimmen verkörpert wie in glorreichen Bayreuther Jahren ideal von Astrid Varnay. Dshamilja Kaiser hingegen wirkt attraktiv jung, ihr religiöser Fanatismus rührt von woanders her. Im zweiten Aufzug, in dem Dirk Kaftan es so richtig gären lässt, explodiert die Sängerin geradezu vor Mezzoglut. Die „Entweihten Götter“ werden zu vokalen Stichflammen.

Schließlich und endlich Mirko Roschkowski in der Titelpartie. Noch immer ist der gebürtige Dortmunder in seinem angestammten Mozart-Fach tätig (demnächst Tamino an der Wiener Volksoper, Idomeneo und Titus in Wiesbaden), hat im vergangenen Jahr in Nürnberg aber auch den Enée in den Trojanern verkörpert. Insofern ist sein Lohengrin-Debüt ein logischer Karriereschritt. Noch immer klingt seine Stimme schlank und biegsam, sie schafft aber auch – ähnlich wie der im Timbre vergleichbare Klaus Florian Vogt - heldische Aufschwünge ohne Mühe. Besonders im Ohr bleiben allerdings die Pianissimi seiner Gralserzählung.

Das Bonner Publikum, wie schon gesagt, tobte sich am Schluss der Aufführung so richtig aus.