Hänsel und Gretel im Bielefeld, Stadttheater

Wenn der Kessel Hexen kocht

Es ist ein riesiger kupferner Kessel und kein Backofen, in dem Rosine Leckermaul ihre Hexenleckereien zusammenbrutzelt. Jeder Fachmann würde dieser Konstruktion wohl Beifall zollen, denn schließlich ist Kupfer das Material, in dem Marmeladen und Bonbons fachgerecht hergestellt werden. Außerdem blinkt es so schön und Benita Roth kann so ein einzigartiges, sehr dekoratives Hexenhäuschen auf die Bühne stellen samt Temperaturregler und schwebendem Riesenquirl als Hänsels Käfig. In Gang gehalten wird die ganze Anlage von einer Armee ausgebeuteter Menschen, die von der Hexe unterdrückt und im Keller gefangen gehalten wird. Gut, dass Hänsel und Gretel sie befreien können: „Wenn die Not auf‘s Höchste steigt“...

Humperdincks Märchenoper besticht in Bielefeld nicht nur mit dem Hexenhaus, sondern glänzt auch sonst durch feine Bilder. Bei Regisseur Jan Eßinger wird der Wald durch eine leere Bühne mit wildem Schneegestöber ersetzt. Das ist wunderbar poetisch und fördert eine besinnliche, konzentrierte Abendstimmung. Einen Märchenwald mit ihn bevölkernden putzigen Figuren vermisst da niemand.

Für Hänsel und Gretel kommt der Abendsegen aus dem Off und sie träumen (in der rein instrumentalen Traum-Pantomime) von einer großen Familienfeier mit Onkeln und Tanten, Omas und Opas. Dieser Traum ist eine der Schlüsselszenen in Eßingers Deutung, die er offensichtlich in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verortet. Die Kinder leben mit ihren Eltern in einem Keller mit meterdicken Betonwänden, scheinen ausgebombt zu sein, es fehlt an Allem und der Besenbinder unternimmt eine Hamsterfahrt. So ist für Hänsel und Gretel ein weihnachtliches Mahl mit der kompletten Familie der allerwichtigste Wunschtraum. Und der wird sich, wenn am Ende die Hexe vernichtet ist und alle Kinder gerettet sind, gewiss erfüllen. Ekaterina Aleksandrova und Dorine Mortelmans als Sand- und Taumännchen geben diesem Traum einen würdigen Rahmen.

Alexander Kalajdzic und die Bielefelder Philharmoniker nutzen das dankenswerter Weise nicht inszenierte Vorspiel, um Humperdincks Bezüge zu Wagner deutlich herauszustellen. Das Bielefelder Haus ermöglicht es, die raffinierte Instrumentierung mehr als glasklar erfahrbar zu machen. Leider müssen sich die Solisten den „Wagnergewalten“ bisweilen aber auch geschlagen geben. Nienke Ottens beweglicher Sopran etwa und auch Hasti Molavians ansprechender Hänsel sind manchmal schlicht nicht zu verstehen. Das ist schade, verfügen sie doch über tolles stimmliches Material und sind perfekte Darsteller. Sarah Kuffner und Frank Dolphin Wong haben da als Eltern weniger Probleme. Sie verfügen durchweg über ausreichend Power, um dem Orchester standzuhalten. Katja Starke vermag ihre Steilvorlage als Knusperhexe noch nicht wirklich zu nutzen. Während der Premiere kommt sie noch ein wenig gehemmt daher. Ihr Spaß am Spiel wird sich gewiss noch entwickeln bis hin zum wirklich wilden Hexenritt.

Jan Eßinger gelingt mit Hänsel und Gretel - auch wenn sich leider nicht alle Bilder erschließen wollen - eine wirkliche „Weihnachtsoper“ mit leisen, still-starken Szenen. Er stellt das Thema Frieden und Geborgenheit in den Vordergrund und verzichtet auf Trash und laute Komik. Das Publikum dankt es ihm mit ganz viel Applaus.