Marx in London im Oper Bonn

Humorvolle Uraufführung ohne Karikatur

Karl Marx - ein Mensch wie du und ich? Gewisslich nicht, dazu bewegte er sich als Gesellschaftstheoretiker und Wegbereiter des Kommunismus geistig auf einer viel zu hohen Ebene. Aber ohne Schwächen und Sünden war auch er nicht. So konnte er überhaupt nicht mit Geld umgehen. Und es gab da auch noch den unehelichen Sohn Henry Frederick Demuth, genannt Freddy, gezeugt mit der Haushälterin Helene Demuth. Dieser Seitensprung, welchen man üblicherweise verzeihen würde, war den ideologischen Sauberkeitsfanatikern in der Sowjetunion jedoch äußerst unangenehm. So gut es ging, wurden entlarvende Dokumente unter Verschluss genommen. Friedrich Engels, guter Engel (auch finanziell) für die Familie Marx, zu der noch die Tochter Tussy zählte, leugnete die ihm gelegentlich nachgesagte Vaterschaft ausdrücklich. Und diese verquirlte Story soll zu einer Oper taugen? Jonathan Dove hat mit Marx in London aber eben eine solche geschrieben (es ist seine 29.) und bezeichnet sie als Komödie. In Auftrag gegeben wurde sie von der Oper Bonn, demnächst wird sie von der koproduzierenden Scottish Opera übernommen.

Dove und sein Librettist Charles Hart führen Marx nicht als Witzblattfigur vor, beschränken sich allerdings auf die durchaus kuriosen und sogar fatalen Seiten dieses Mannes. Wäre eine solche Komödie nicht auch ohne einen Protagonisten von Weltrang möglich? Sicherlich. Aber das von Jürgen R. Weber vorgeschlagene Sujet faszinierte Dove auf Anhieb, weil es eine gewissermaßen auf Kothurnen stehende Person in den menschlichen Alltag zurück holt. Der Komponist, welcher „die Welt eindeutig durch die Opernbrille“ sieht, begründet seine Entscheidung weiterhin so: „Oper ist eine extreme Gattung, die ihre Charaktere häufig in die Höhen romantischer Glückseligkeit oder in die Tiefen der Verzweiflung schickt. Aber ganz normale Menschen haben in ihrem täglichen Leben eben auch diese opernhaften Momente, Augenblicke entweder von Dunkelheit oder Transzendenz. Und das ist etwas, was mich fasziniert: das Opernhafte des Alltags.“

Ohne mit anderen Werken Jonathan Doves vertraut zu sein, die Marx-Oper also ohne weitere Informationsstreuung erlebend, nimmt man die Musik der Oper nicht gänzlich ohne Irritation zur Kenntnis. So viel an Dreiklangsharmonien wird wohl in keinem Werk der Jetztzeit geboten. Doch darüber mögen Avantgarde-Gurus abschätzig rechten, der wohl nach wie vor primär an einer tonalen Klangwelt orientierten Majorität der Musikfreunde tut die Schreibweise von Doves Marx-Oper mit ihren gelegentlichen Anleihen bei der Minimal Music gut. Das war dem reichen Schlussbeifall in der nicht einmal sonderlich gut besuchten Zweitvorstellung eindeutig zu entnehmen. Mag die Musik mit Celestaglitzern und plakativer Melodik auch schon mal die Grenzen zum Kitsch streifen: ihr (freilich szenengebundener) Ausdruck wirkt zwingend.

Ein Höhepunkt ist die Chorszene im 2. Akt, wo der in einer Bibliothek eingeschlafene Marx von den ideologischen Lobpreisungen seiner Anhänger wieder aufgeweckt wird und in den grauen Alltag zurück findet. Aber die Szene vermittelt auch viel von dem Respekt, welchen dieser Weltverbesserer genoss. Doves Instrumentation wirkt bei diesem musikalischen Tableau besonders fantasievoll. Was der Chor des Hauses und der Gastdirigent David Parry mit dem Beethoven Orchesterleisten, ist nur als optimal gelungen zu bezeichnen.

Eine historisch unanfechtbare Opern-Biographie über Karl Marx schwebte Jonathan Dove, wie bereits ausgeführt, nicht vor, ebenso wenig dem eigentlichen Stofflieferanten Jürgen R. Weber, welcher in Bonn auch die Regie innehat. Eine tragisch gefärbte Vita hätte das reale Leben von Marx nicht hergegeben, also lief Webers Gestaltung von vorneherein auf komische Elemente hinaus. Ein „folle journée“ wie in Mozarts Nozze di Figaro, das sollte es zuletzt sein. Über aller Situationskomik wird die Bedeutung von Marx als Polittheoretiker aber nicht verkleinert, erst recht nicht lächerlich gemacht. Dennoch wirkt selbst seine große, fast schon wagnerpathetische Ansprache leicht ironisiert. Dazu passt das Picknick-Finale mit den Happy Ends bei Marx und seiner Frau Jenny sowie Tussy und Freddy, welcher in Helene längst seine wirkliche Mutter gefunden hat. Aber ganz zum Schluss erheben die stets anwesenden, geknechtet wirkenden Arbeiter ihre Pistolen. Da erschrickt man schon ein wenig.

 Aber solche Momente unterstreichen das inszenatorische Balancieren zwischen Spaß und Ernst. Je länger die Aufführung, desto stimmiger empfindet man Webers Arbeit, zu deren Wirkung auch Hank Irwin Kittels Ausstattung beiträgt (viele rund gestellte, fantasievoll strukturierte Wände). Dass einzelne Spielorte auf Wagen hereingefahren werden, geschoben von den oben erwähnten Arbeitern, ist eine besonders glänzende Idee. Und über der Szene schwebt immer wieder ein Spion im Propellerflugzeug und hämmert Beobachtungen akustisch hörbar in eine Schreibmaschine.

Das Solistenensemble ist nichts weniger als beispielhaft. Mark Morouse profiliert sich mit dem charakterschillernden Marx außerordentlich, sängerisch ebenso wie darstellerisch. Gleiches gilt für Yannick-Muriel Noah als seine Frau Jenny. Sie geifert schönstimmig und jammert vorzugsweise ihrem von Pfandleihern weggetragenen Silberbesteck nach. Die heiteren Höhenkoloraturen der Tussy machen Marie Heeschen keinerlei Mühe; Christian Georg als Freddy kontert mit lyrischem, aber festem Tenorschmelz. Tenorstrahlend auch Johannes Mertes als Engels. Selbst kleinere Partien werden voll ausgefüllt, so u.a. von David Fischer, Jonghoon You und Di Yang.