Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Mahagonny liegt doch im Pott

„Alt wie das Gebirge, doch

Unternehmend immer noch

Fährt die Dummheit mit im Zug

Läßt kein Auge vom Betrug.“

 

Das formuliert Bertolt Brecht in seinem Gedicht Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy von 1947. Und genau diese Zeilen haben sich die Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses zu Eigen gemacht. Sie sind Gestrandete des Zweiten Weltkriegs, Nazi-Desperados, wenn man so will. Das zeigen sie deutlich- schon äußerlich: Fatty mit blondem BDM-Zopf und Moses in Hitler-Optik mit zerschlissener Uniform. Geld wollen sie machen, möglichst viel und möglichst schnell, und das im zerstörten Ruhrgebiet, der Waffenschmiede des Nazi-Regimes. Denn hier verortet Regisseur Jan Peter Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Inmitten von Industrieruinen, die Kathrin-Susann Brose sinnfällig auf die Bühne stellt, gründet das Trio ihre Stadt Mahagonny – einen Ort der Glückseligkeit.

Soweit funktioniert Peters Szenario durchaus gut, doch irgendwann meldet sich dann doch ein Stück Ratio beim Betrachter. Man fragt sich, wo das Geld eigentlich herkommt, das Paul Ackermann und Co. aus der Tasche gezogen werden soll. Wo könnten er und seine Kumpels die Alaska-Dollars erarbeitet haben in einem zerstörten Land? Da hakt es in der Konzeption dann doch gewaltig.

Aber ansonsten wird wie am Schnürchen abgespult das Wesen des gnadenlosen Kapitalismus: Du darfst alles tun, solange du bezahlen kannst. Dich zu Tode fressen und bei falschen Wetten im Boxkampf untergehen. Das macht alles nichts. Und sind doch heute eher noch als harmlos zu bezeichnende Auswüchse des Kapitalismus.

Jan Peter findet bisweilen treffliche Bilder. So symbolisiert er die Rolle der voreingenommenen, durchaus bestechlichen Justiz mit einer überaus parteiischen Waage. Manches hätte er sich und seinem Publikum aber besser erspart, da es an erdrückender Überdeutlichkeit nicht zu überbieten ist. Das gilt für den an KZs gemahnenden Verbrennungsofen, der mit Leichenteilen gefüttert wird ebenso wie für den Schluss: da halten während einer Demo die Teilnehmer Schilder hoch, auf denen „Ich“ steht. Lieber Herr Peter: „ Ja, wir haben verstanden.“ Egoismus ist der Tod einer toleranten Gesellschaft.

Das Ende zieht sich leider auch über Gebühr hin. Da kommt dann doch nichts mehr an Neuem und ein paar Striche wären durchaus angebracht gewesen, wenn das denn mit den Vorgaben der Brecht-Erben, die da ja sehr eigen sind, vereinbar wäre.

Vokal glänzt der Chor Alexander Eberles - besonders die Herren punkten als Einwohner Mahagonnys. Tobias Glagau, Petro Ostapenko und Joachim Gabriel Maaß als Goldsucher stürzen sich auch stimmlich begeistert in die Freuden der Stadt Mahagonny. Weniger Freuden, lieber mehr Geld suchen Almuth Herbst als Witwe Begbick, Petra Schmidt als Fatty und Urban Malmberg als Dreieinigkeitsmoses. Alle drei singen so geradeaus wie ihr Ziel es vorgibt: Sie wollen nur verdienen. Martin Homrich glänzt als tenoral strahlender Paul Ackermann.

Und dennoch ist es allenfalls Anke Sieloff, die mit ihrem „Und wie man sich bettet, so liegt man“, so etwas wie ein Brecht/Weill-Feeling herüberwehen lässt. Generell wird in dieser Inszenierung pointierte Song-Ästhetik zugunsten geschliffenen Operngesangs hintangestellt. Da fügen sich auch Thomas Rimes und die Neue Philharmonie Westfalen nahtlos ein. Kann man machen, muss man nicht. Alle Zuhörer*innen sind aufgefordert, in dieser Frage für sich selbst Position zu beziehen. Das Premierenpublikum spendet jedenfalls freudig Applaus