Turandot im Dortmund, Oper

Machterhaltung und Machtgewinn

Purpurrot und schwarz sind die vorherrschende Farben, in die Frank Philipp Schlößmann sein Bühnenbild für Giacomo Puccinis Turandot taucht. Ungeheuer gravitätisch, bedrückend und erschlagend geradezu. Die Staatsmacht zeigt Flagge, duldet keinen Widerspruch. Kein Wunder also, dass das gemeine Volk weitestgehend am Boden robbt, sich in unterwürfigen Gesten zeigt. Oben und unten sind klar definiert: Herrschende und Beherrschte klaftertief voneinander entfernt.

Und hier setzt Tomo Sugao seinen Blick an auf die Turandot. Wie kann ein auf brutale Unterdrückung basierendes Herrschaftssystem funktionieren? Die Antwort heißt wie schon bei den Alten Römern: „Brot und Spiele“. Im fernöstlichen Reich kann das Volk sich an den Hinrichtungen ergötzen, die den im Rätselwettstreit um die Hand der Prinzessin Turandot unterlegenen Prinzen drohen. Doch es ist nicht Turandot, die sich das grausame Spiel ersonnen hat, die das Machtgefüge in der Waage hält. Es sind - wie heute überall - Polit-Apparatschicks, die die Fäden in den Händen halten. Die Minister Ping, Pang und Pong haben die Prinzessin von Kindesbeinen an - auch durch sexuellen Missbrauch - zum willfährigen Objekt ihrer Machterhaltungsstrategie gemacht.

Doch wie auch die politische Gegenwart immer wieder beweist, geht es immer noch ein bisschen perfider. All‘ die Ränke und das ausgeklügelte Vorgehen der Minister ist Prinz Calaf noch im Stande zu toppen. Unendliche Liebe zu Turandot scheint ihn zu bewegen, ihr „opfert“ er scheinbar das Leben der ihm ergebenen Sklavin Liu und damit das Wohlbefinden seines blinden Vaters. Und am Ende stellt sich das als pure Strategie im Kampf um die Macht heraus. Nicht Turandot ist von Interesse für Calaf, sondern der goldene Mantel des Kaisers - das Symbol für die Macht im Reich. Calaf ist endlich am Ziel. Und man ahnt: Weit grausamer als das Regiment der Minister wird jenes sein, das Calaf zukünftig führt. Turandot aber hat endgültig für niemanden eine Bedeutung mehr.

Tomo Sugao entzaubert Turandot. Er liefert kein schönes Märchen in fernöstlichem Flair. Stattdessen nutzt er dieses Flair, um Machtmechanismen in einer Autokratie aufzuzeigen. Bildgewaltig, fast erschlagend gelingt das präzise unter stetiger Steigerung der Grausamkeiten.

Und das Dortmunder Ensemble folgt ihm da begeistert. Der Opernchor unter Fabio Mancini verkörpert das unterdrückte Volk mit großer Homogenität und erfahrbar gemachter absoluter Ohnmacht. Diese Ohnmacht bringt auch Hannes Brock als alter Kaiser mit großer Wehmut zum Ausdruck, während Karl-Heinz Lehner in jeder Phrase die tiefen Leiden Timurs beglaubigt. Ein sehr rundes Trio infernale sind Morgan Moody, Fritz Steinbacher und Sunnyboy Dladla, deren Stimmen sich perfekt mischen: Sie sind wahre Magnolien aus Stahl.

Stéphanie Müthers Turandot kommt gruselig kalt und unnahbar daher. Stimmlich ohne Fehl‘ und Tadel schafft sie es aber auch, den inszenierungsbedingten „Zombie-Charakter“ in ihrer Figur zu projizieren. Sae-Kyung Rim ist eine großartige Lìu und kann auf der ganzen Linie überzeugen durch mit Klarheit und Reinheit ausgedrücktem Opferwillen - großartig. Andrea Shin steht seinen beiden Kolleginnen da in nichts nach: Sein Calaf glänzt durch Ebenmäßigkeit seines Tenors, mit dem er den Willen zum Erfolg zementiert.

Die Dortmunder Turandot bietet ein Ensemble auf hohem Niveau, evoziert Glücksgefühle vor allem, weil jede Rolle perfekt besetzt ist. Und da fügen sich auch Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker ein in das großartige Gesamtbild dieser Produktion: packender, schweißtreibender Puccini-Klang durchflutet das Opernhaus. Der immer riesig erscheinende Raum ist zur Gänze ausgefüllt mit einer ausgewogenen Mischung von Orchester und Stimmen. Geht doch! Das möchte man rufen. Und im selben Moment tut es das gesamte Publikum, das unmittelbar nach dem Ende Standing-Ovations spendiert.