Das Tagebuch der Anne Frank im Theater Münster

Der Himmel durchs Fenster

Kathrin Filip holt ihre Zuschauer am Klavier ab. Das kleine Instrument steht ziemlich verloren im großen Foyer des Theaters Münster - recht versteckt im „Wald“ der vertikal aufragenden Garderobenschließfach-Schränke. Und auch die zierliche Sängerin wirkt eher verloren im geräumigen Foyer. Doch dieser Eindruck täuscht. Sobald der erste Ton erklungen ist, alle in ihre hellen, klaren Augen geblickt haben, die voller Neugier und Lebenslust ihre Umgebung erforschen, ist die Sängerin Filip vergessen: Da steht das Mädchen Anne Frank. Groß ist sein Wille, die Umgebung zu erkunden. Und doch muss es sich verbergen. Vor den Faschisten. Anne/Kathrin nimmt uns mit in das vorbereitete Versteck der Familie, führt die Zuschauer langsam durch das Foyer, das Weite ausstrahlt hin ins U2, der Spielstätte im Keller des Kleinen Hauses des Theaters Münster. Regisseur Jan Holtappels verdeutlicht mit diesem Raumwechsel auf Raten, was auf einmal ganz anders ist. Das U2 ist Enge, hier können Annes Freiheitsdrang, ihre Wünsche und Vorstellungen sich ohne die Möglichkeit einer direkten realen Umsetzbarkeit nur noch in ihrer Fantasie entfalten. Melanie Walter hüllt diese Welt in Paketpackpapier, das dick und haltbar ist, doch Annes Umgebung nur scheinbare Sicherheit gibt. Hier entfaltet Kathrin Filip den Charakter eines Mädchens, das stark ist, gierig nach Leben und Liebe. Anne ist begabt, will schreiben, steckt aber auch voll bedrückender Visionen. Kathrin Filip holt das ganze Wesen Anne Franks aus sich heraus; Indem sie den Tagebuchtexten völlig vertraut, sie strömen und ihre Wirkmacht entfalten lässt. Und sie lässt das Sperrige von Grigori Frids Musik einfach zu, versucht nichts zu glätten. Gemeinsam mit dem Pianisten Fabian Liesenfeld gelingt es ihr, Frids komponierte Fragezeichen, Gedankenstriche ganz wunderbar herauszukristallisieren und wie zusätzliche Leuchtpunkte auf die Bühne zu zaubern.

Grigori Frids Mono-Oper Das Tagebuch der Anne Frank ist in den letzten Jahren häufig zu finden auf den Spielplänen der bundesdeutschen Musiktheater. Frids Musik verschreckt das Publikum in keiner Weise. Sie besitzt eine Vorliebe für elegische Stimmungen, kann aber in Verbindung mit Anne Franks Tagebuch gerade die „Irrealität“ der Lebenssituation undIsolation dieses Mädchens illustrieren.

„Es ist so viel geschehen, als hätte sich die Welt umgedreht“, vermerkt Anne. Und gerade diesen Satz erfahrbar, ja fühlbar zu machen, das gelingt Grigori Frid mit Das Tagebuch der Anne Frank in bemerkenswerter Art und Weise. Eine Oper die gefangen nimmt. Das ist ein Werk, das in Zeiten, in denen die Zahl der Holocaust-Überlebenden geringer wird, an deren Stelle erfahrenes Leiden vermitteln kann.

Jan Holtappels und Melanie Walter schaffen dafür einen glaubwürdigen Rahmen, den Fabian Liesenfeld und Kathrin Filip mit Leben füllen – quasi einen der golden blinkenden Stolpersteine personalisieren, die uns in der Stadt begegnen.