Eugen Onegin im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Poesie im Birkenwäldchen

Ein Satz wie eine Ohrfeige. Maßregelnd, mitleidlos und überheblich. „Lernen Sie, sich zu beherrschen!“, rät Onegin der blutjungen Tatjana. Das schwärmerische Mädchen, das ihm in der Nacht zuvor einen glühenden Liebesbrief geschrieben hat, versucht derweil verzweifelt, seine Würde zu wahren. Steif und aufrecht sitzt Tatjana auf einem Stuhl. Ihr Gesicht zuckt, ihre Finger umklammern ein Wasserglas, als müsste sie sich daran festhalten.

Einige Frauen des Dorfes sehen dieser Szene zu: mit wissendem Blick und spöttischem Lächeln, lernt doch Tatjana, dieser weltfremde Bücherwurm, nunmehr die Realität kennen. Dann werden die Mienen langsam ernst. Blicke senken sich, die Köpfe hängen. Manche Frau wendet sich stumm weg. So ist das eben, wenn man eiskalt abserviert wird.

Die Gesichter sprechen Bände in dieser jüngsten Regiearbeit von Rahel Thiel, die Tschaikowskys Oper Eugen Onegin in Gelsenkirchen in einer Kammerfassung von André Kassel inszeniert. Der Solorepetitor des Deutschen Nationaltheaters in Weimar hat die Instrumentalbesetzung auf fünf Streicher, einen einfachen Bläsersatz, Akkordeon, Klavier und Celesta reduziert. Das führt einerseits zu Einbußen an orchestraler Pracht, ermöglicht andererseits aber eine intime Nähe zum Geschehen, die Rahel Thiel im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier brillant zu nutzen versteht. Die 1990 in Leipzig geborene Regieassistentin, die unter anderem in Wien bei Beverly Blankenship studierte, verleiht diesem Abend anrührende Leichtigkeit und Poesie.

Das minutiös ausgearbeitete Mienenspiel der Sängerinnen und Sänger, die hier im schönsten Sinne auch als Darsteller glänzen, lässt einen schier nicht los. Mit Empathie spürt die Regie den Brüchen der Charaktere, den Verletzungen der Seelen nach, feinfühlig bis in die Nebenrollen hinein. Da beteuert Tatjanas Schwester Olga (Lina Hoffmann) Frohsinn und Zufriedenheit – und bricht direkt danach in Tränen aus. Da erzählt die Amme Filipjewna (Almuth Herbst), wie sie, noch minderjährig, weinend ihrer Trauung entgegen ging. Da beklagt sich der Fürst Gremin (Michael Heine), weil er sich auf seinem eigenen Fest von Schwätzern, Heuchlern und Geschäftemachern umgeben sieht.

Auch die stimmungsvollen Bilder dieser Inszenierung brennen sich ein. Tatjana, wie hingegossen über ihre geliebten Bücher. Die zarten Kleider der Mädchen, die Anmut und Reinheit, aber auch die Ferne von der großen Welt betonen (Kostüme: Renée Listerdal). Das lichte Birkenwäldchen, dessen weiße Stämme sich in der Duellszene ins Schwarzlicht-Negativ verkehren (Bühne: Dieter Richter, Licht: Patrick Fuchs). Die Asche, die auf den eifersüchtigen Lenski herabregnet, wenn Onegin mit Olga flirtet, bedeckt in der Duellszene den gesamten Boden. Wo einst Freundschaft war, wo Liebe hätte blühen können, bleibt nichts als verbrannte Erde.

Bele Kumberger spielt und singt eine hinreißende Tatjana. Die Briefszene gestaltet sie zur emotionalen Achterbahnfahrt, mit einem Sopran, der vom jugendlichen Feuer und vom Zweifel an der Klugheit des eigenen Handelns wie durchzittert klingt. Mag manch schwärmerischer Bogen in der Höhe einen Hauch von Härte aufweisen, so lässt ihre intensive Hingabe ans Spiel das sofort vergessen. Hoffnung und Enttäuschung, Glücksrausch und Verstörung liegen in ihrem packenden Rollenporträt nur um Haaresbreite auseinander.

An ihrer Seite trifft Lina Hoffmann als Olga genau die Untertöne, die es braucht, um die Schatten hinter dem vermeintlich lebensfrohen Wesen ahnen zu lassen. Höchst eindrucksvoll ist der Lenski von Khanyiso Gwenxane, der am Premierenabend jubelnden Beifall erntet. Der Tenor des Südafrikaners trumpft mit Glanz und Schmelz auf, kann seine Stimme aber auch in ein empfindsames Piano zurücknehmen, das er in der großen Arie im zweiten Akt ganz und gar in Wehmut taucht.

Den weltmännisch-arroganten Onegin aus der Steifheit seiner Pose heraus zu holen, muss Piotr Prochera sich ein wenig mühen. Aber die Wiederbegegnung mit Tatjana, die sich von der naiven Dorfschönheit zur mondänen Fürstin Gremina entwickelt hat, bringt ihn schließlich doch aus der Fassung. So gewinnt Procheras Bariton im Laufe des Abends an Vehemenz und Ausdrucksstärke.

Licht und Schatten gibt es beim Kammerensemble. Thomas Rimes leitet es voller Umsicht und ist um klangliche Balance bemüht. Dass diese sich am Premierenabend nur bedingt einstellt, ist teils den räumlichen Gegebenheiten, teils dem Arrangement von André Kassel geschuldet. So legt der inflationäre Einsatz der Celesta recht viel Zuckerguss über den ersten Akt.

Intime Stimmungen werden durch die Musiker atmosphärisch treffend ausgeleuchtet. Aber wo die Ballszene im Original luxuriös aufrauscht, klingt die Kammerversion eher schrammelig, zumal nicht immer sicher intoniert wird. Der gut disponierte und spielfreudige Opernchor bringt für das Kleine Haus zu viel Phonstärke mit, um die Plätze in den ersten Reihen guten Gewissens empfehlen zu können. Indessen können die kleinen Einschränkungen nichts am positiven Fazit ändern: Dieser dichte, psychologisch kluge Opernabend ist unbedingt ein Gewinn.